29.12.05

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Das Gasthaus, das Rubosch schon bei unserer Ankunft entdeckt hatte, sah auch von innen auf den ersten Blick nicht anders aus, als die Abendschule, aus der wir kamen. Fast wollten wir meinen, dieselben Gesichter der Gäste wieder zu erkennen. Und auch ihre Positionen stimmten mit denen derer überein, die wir gerade verlassen hatten. Einige waren gerade vor Lachen von den Stühlen gefallen, andere fingen ihre Mützen wieder auf oder duckten sich vor querschlagenden Gegenständen.
Aber erleichtert bemerkten wir: Alle hatten einen ordentlichen Humpen neben sich stehen (oder tranken gerade daraus). Und ein armes Kerlchen mit Schürze wurde geschickt und gerufen und kommandiert.

„Herr Ober!“ rief Rubosch, als wir den gleichen Tisch wie vorher einnahmen.
„Einen guten Kellner muss man scheuchen, sonst rostet er.“ kicherte er. Schalk grinste, rief auch: „Herr Ober! Schneller!“

„Wir hätten gerne ein Fläschlein Portwein und drei Gläserchen.“ bestellte Rubosch. „Wir sind nämlich auf Reisen.“
Der Ober sah ihn schief an, während er notierte. „Sonst noch ein Wünschlein?“ Empört sah Rubosch zu mir.

Schalk ergriff das Wort: „Wir hätten da gerne noch eine Auskunft.“ Der Ober lenkte seinen schiefen Blick auf Schalk.
„Wir wollen schifffahren. Ob Sie wohl einen Kahn kennen, der Übersee ansteuert?“ Schalk zwinkerte Rubosch zu. „So muss man mit einem Kellner umgehen. Sonst kriegt man gar nichts aus ihm heraus.“
„Aber meine Herren!“ Der Ober sah uns mit grossen Augen an. „Ich glaube, das sollten Sie sich noch einmal überlegen.“ Er zeigte nach draussen. „Es zieht ein böser Sturm auf. Keiner der Seefahrer wagt sich haraus. Ihr Aberglaube besagt, sie kämen bei Sturm nie nie wieder an Land. Fragen Sie die Leute selbst!“

„So ein bisschen Nieselwetter macht doch einem Seemann nichts aus!“ Schalk wollte nicht glauben, dass die Witterung seiner sorgfälltigen Reiseplanung ein Strich durch die rechnung machte. „Ein Seemann ist ein Seemann. Der ist dazu da, auf See zu fahren. Der lässt sich von einem Wetterchen nicht einschüchtern.“
Rubosch keifte mit. „Bei Regenwetter traue ja sogar ich mich auf die See.“

Rubosch und Schalk standen auf und richteten ihr Wort an die Leute im Raum. „Verehrte Seeleute!“ Diese unterbrachen ihr Gelächter und ihre Gespräche und hörten sich an, was die Landratten denn diesmal wollten.
„Wer von Ihnen traut sich, drei alte Landratten nach Übersee überzusetzen?“
Erwartungsvoll sahen sie die Männer an. Momente der Stille. Da standen die ersten auf. Und je mehr von ihnen aufstanden, dest mehr taten es ihnen nach und sie alle verliessen fluchtartig die Schenke (nicht ohne ihre regenschirme vorher aufzuspannen, wie Schalk ärgerlich bemerkte).

Nun standen wir allein da und der Ober, der mir dem Portwein kam, war sauer, weil die ganze Kundschaft weg war. Wir waren betrübt und Rubosch wollte uns resigniert die Vorteile einer vorzeitigen Heimfahrt darlegen, als aus der dunkelsten Ecke der Schenke, dort, wo es am verrauchtesten war, ein tiefes brummeliges Lachen erklang.