29.12.05

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Die sieben Weltmeere waren unbändig. Wilde Massen von Wassertropfen, die alles verschlangen, was in ihre Quere kam. Unzählige Schiffe, Schätze und unglückliche Seeleute (deren Frauen vergebens daheim warteten). Unendliche Schwärme von Fischen und Meeresbewohnern. All das würden die sieben Weltmeere nie wieder freigeben. Stürme und Orkan waren ihre Gewalt, der Meeresboden ihr Zuhause. Und dazwischen gab es nur Wasser. Nichts als Wasser.
Menschen, die trotz dieser unausgesprochenen Warnung und entgegen ihrer natürlichen Beschaffenheit den Versuch unternahmen, die wilde Bestie Meer zu bändigen, mussten hart sein. Angst und Schwäche waren hier das Verderben. Ein Sturm sollte für diese Leute ein Lüftchen sein. Ein grimmiger Walfisch nur ein alter Esel. Das Wasser selbst nur Träger ihres Zuhauses: Planken und Segel. Taue und Knoten.
Die Schifffahrt. Kein Kinderspiel. Aber Abenteuer und Schicksal. Der das alles meistern wollte, musste an Erfahrung selbst das älteste der Weltmeere überbieten.

„Nein, so ein bisschen Nieselwetter macht einem Seemann wirklich nichts aus.“ sagte die Stimme aus der dunkelsten Ecke und lachte wieder.

Wir näherten uns dem alten Mann. Augenklappe, Holzbein, den Humpen wie ein Mann mit der Hand gepackt. Kein zweifel. Da sass der alte Kapitän. Durch seinen verwegenen steinernden Bart grinste er uns geheimnisvoll an.
Rubosch und Schalk riefen aufgeregt durcheinander! „So eine freudige Überraschung!“ fand Rubosch und Schalk wollte wissen, wie der Kapitän an diesen Ort kam. „Mit dem Dreizehner. Der fährt auch direkt zum Hafen.“

Die geflohenen Seeleute betraten wieder nach und nach die Schenke und setzten sich kleinlaut an ihre Tische. Jetzt da wir mit dem verwegensten von ihnen, dem alten Kapitän wie selbstverständlich bei Portwein plauderten wuchs ihre Achtung vor den Landratten, wie Rubosch kurz bemerkte.

Nachdem wir unsere Reiseschilderungen ausgetauscht hatten, kam Schalk wieder zum Kern unseres eigentlichen Problemes. Der Kapitän lachte. „Rein zufällig läuft mein stolzes Schiff morgen nach Übersee aus.“
Rubosch schlug mit der Faust in die offene Hand. „Und Sie würden uns auch mitnehmen?“

Der alte Kapitän sah uns lange und eindringlich an. Das Lachen war vergangen, das schiefe Grinsen schien nie dagewesen zu sein. Voller Sorgfalt wählte er seine Worte, während er nach Schmauchepfeife und Tabak kramte.
„Eine Seefahrt, meine Herren Landratten,“ finge er an, „Ist keine Erholungsreise. Der Sturm mag für mich und das Schiff nur ein Lüftchen sein. Doch so mancher Fahrgast ist mir auf meinen Reisen fortgeweht worden. Weil er das Lüftchen unterschätzte und sich nicht festhielt. Und auch wenn Taifune - die Wölfe der Meere - sich bei Vollmond an Bord schleichen und heulen, hat kein Passagier gut lachen.
Eine Seefahrt ist kein Bummelzug, hier herrschen Gesetze und die schreib´ ich! Wer das nicht einsieht kann Kiel holen gehen. Wenn ich sage `spring´ dann gibt es keine Fragen mehr zu stellen.“ Noch geheimnisvoller und fast flüsternd fügte er hinzu: „Weil Ihr meine guten Freunde seid, nehme ich Euch mit.“

Mit offenen Mund verstummte der alte Mann und sah uns an. Dann klappte er den Mund zu und sperrte ihn wieder auf.