29.12.05

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Wir standen an der Reeling und genossen die Fahrt. Keine der Gefahren und Unpässlichkeiten, die uns angekündigt waren, hatten uns bisher heimgesucht. Ja, sogar das Regenwetter hatte sich kurz nach dem Ablegen in Wohlgefallen und Sonnenschein aufgelöst. Alle an Bord des stolzen Schiffes mussten sogar die dicken Pullover ausziehen, weil die Sonne so brannte.

Rubosch und Schalk sinierten. Rubosch: „Nun, wo wir so weit von zuhause sind, mache ich mir so meine Gedanken. Unsere Reise dauert noch gar nicht so lange, und trotzdem ist nichts so, wie es war.“
„Sie meinen, nicht nur die Zeit zieht voran, sondern auch Landsachaften, Bäume. Jetzt die Wellen und Wolken.“ antwortete Schalk.
„Und wenn wir wieder heimkehren wird sich alles noch viel mehr verändert haben. Auch, wenn wir es vielleicht nicht bemerken. Keine dieser Wogen aus Wellen wird so sein, wie sie gerade ist.“
„Dann geniessen Sie es, wie es ist, würde unser guter Freund Scholz jetzt sagen.“ riet Schalk. „Möglicherweise ist es wirklich die einzige Gelegenheit, jenen einzigartigen Moment zu wahren. Sonst geht er ungenutzt verloren, und wer weiss, ob der nächste wieder so wohlig sein wird.“
Sie schwiegen eine Weile.
Dann Rubosch: „Wissen Sie, es tut mir um die Augenblicke leid, die sich zur Zeit in der Heimat abspielen. Wissen wir, ob sie nicht besser sind, als jene, die wir gerade hier verleben?“
„Aber wie können das andere Augenblicke sein, als diese hier?“ wollte Schalk von ihm wissen. „Es gibt nur eine Zeit. Ist es in diesem Augenblick zwölf Uhr, ist es derselbe um zwölf Uhr in der Heimat.“
„Dann wäre ich zuhause genauso zufrieden, wie hier?“
„Rubosch, solange ich Sie kenne habe ich Sie nur unzufrieden erlebt, wenn es keinen Portwein gab. Wie können Sie mir diese Frage stellen, wo ich doch nicht weiss, ob Sie Portwein haben.“
Rubosch kicherte. „Ich habe!“ Er zog ein Fläschchen hervor. „Ich möchte nur nicht, dass der alte Kapitän es bemerkt.“

Mit einem lauten Schlag flog die Tür zur Kapitänskajüte auf und der Kapitän in seiner eindrucksvollen Erscheinung stand an Deck.

„Sie haben Portwein.“

Ein richtiger Seemann hat keine Angst. Das hat einen Grund. „Angst wird auf hoher See mit gutem Port verdünnt.“ erklärte der Kapitän. „Und so rieche ich ihn, wenn er an Bord ist.“
Er griff nach der Flasche, die Rubosch ihm anbot, nahm einen tiefen Schluck und wischte - wie es sich für einen echten Kapitän auf seinem Schiff gehörte - sich nicht den Mund ab.
„Sturm kommt auf. Begeben Sie sich unter Deck.“ befahl er nebenbei.

„Aber Kapitän.!“ lachte Schalk. „Sie sagen das so einfach, obwohl die Sonne brennt.“ Rubosch war begeistert. „Sie haben Sinn für Humor, Kapitän.“

Dieser kettete sich am Steuerruder fest, zog einen gelben Regenhut auf und sang eines der Sturmlieder, das möglicherweise sein letztes sein konnte. Es donnerte. Wolken zogen wieder auf, der Seegang wurde stark. Rubosch und Schalk eilten als erstes zu der Luke, die unter Deck führte. Ich hinterher. Wir sahen noch, wie der Kapitän den Schlüssel aus dem Schloss an der Kette, die ihn ans Ruder festband über Bord warf. Dann waren wir in der gemütlichen Kajüte bei Kerzenschein und Port. Es schaukelte, wurde aber ein netter Abend. Von Zeit zu Zeit hörten wir die grollende Stimme des Kapitäns, die den Sturm verfluchte und anbrüllte.