29.12.05

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„Der Sturm ist vorbei.“ berichtete der alte Kapitän. Und andächtig fügte er hinzu: „Wir haben ihn bezwungen.“
Rubosch und Schalk applaudierten. Anerkennend und voller Bewunderung ob der grossen Schiffmannskunst jubelten sie und warfen Mützen in die Luft, die sie sich bei den Matroseln geborgt hatten.

Das Deck glich einem Schlachtfeld. Die Segel zerfetzt, Taue abgerissen, Löcher in den Planken und in der Reeling. Noch immer hat der Kapitän das Steuerruder fest in der Hand. Noch immer ist er angekettet. Schwere Eisenketten: Einziger Halt für einen Mann, der dem Wahnsinn in die Augen blicken musste. Doch nun bittet er den Maat, das massive Kettenschloss aufzuschliessen. „Was soll das bedeuten, Sie haben keinen Schlüssel?“ brüllte der Kapitän. Der Maat jammerte, der Kapitän habe den Schlüssel selbst über Bord geworfen. Der Maat habe ja vorm Ablegen Ersatzschlüssel anfertigen wollen, doch der Kapitän liess ihn ja nicht. „Diesen Mann Kiel holen lassen!“ befahl der Kapitän.

Während die Matroseln versuchten, den sich mit Armen und Beinen wehrenden Maat zu binden, wendete sich der stolze Kapitän an Rubosch.
„Greifen Sie doch mal liebenswürdiger Weise in meine Rocktasche.“ Zögernd tat es Rubosch. „Da müsste der Ersatzschlüssel drin sein.“
Und als er frei war: „Ja, ich liess den Maat nicht weg, um Ersatz anfertigen zu lassen. Ich sagte zu ihm: `Èin Seemann braucht keinen Ersatz.´ Hat ja auch kein Ersatzschiff, wenn eins untergeht.“
Mit einer auffordernden Handbewegung verlangte er die Flasche Portwein von Rubosch und trank sie fast aus. Er keuchte und schmatzte. „Das habe ich gebraucht. Nach all den Aufregungen.“

Wir sahen zu, wie der Maat gefesselt und kopfüber ins Wasser gelassen wurde. Mit ausschweifenden Beschreibungen erzählte der Kapitän vom Sturm.
Er habe mit Windhosen und Wolken aus purem Eis gefochten. Sie wollten ihn wegreissen von seinem Schiff. „Aber ich wehrte mich! Ein Seemann lässt sich nicht wegreissen wie eine Landratte.“ Und er warf einen Seitenblick zu uns. Empörung bei Rubosch und Schalk. Doch als sie der Erzählung weiter lauschten, waren sie froh. Der alte Seemann hatte ihnen nämlich das Leben gerettet, als er sich mit seinen Fäusten einen Weg durch die kalt nasse Pein der See preschte.
„Ich hoffe, es hat nicht so sehr geschaukelt.“ sagte der Kapitän, hob ganz kurz seine durchnässte Kapitänsmütze ab und verneigte sich.

Bescheiden sind Sie auch noch, Herr Kapitän.“ Rubosch und Schalk fühlten sich sehr geehrt. „Aber wir wissen, wie schwierig Ihr Kampf gegen die Naturgewalt war. Ihr Leben riskierten Sie, um unseres zu schützen. Sie nahmen auf sich, wozu keiner, der auf dem Land wohnt den Mut gehabt hätte: Dem Sturm von Angesicht zu Angesicht gegenüber zu treten. Unsere Bewunderung gilt Ihrem Edelmut.“
Der Kapitän winkte ab. Erneut hatte er einen Sturm gesichtet. Schon brüllte er seine Befehle und rannte zu den Ketten.