29.12.05

16

Rubosch erstieg die kleine Leiter, die die Kajüte mit dem Deck verband. Als nächstes Schalk. Wie hypnotisiert bewegten sich beide auf den Sprossen nach oben. Dann kam ich nach. Wind und Wasser pfiffen uns um die Ohren. Die Sonne schien.

Ich traute meinen Augen nicht. Rubosch schüttelte den Kopf, Schalk stemmte die Hände in die Hüften.
Unmittelbar vor uns standen einige Matroseln in Reih und Glied und warfen sich Medizinbälle zu, die sie bei Kommando auf die Planken fallen liessen.
Rubosch wischte sich die Regentropfen aus dem Gesicht. Sein Blick wanderte nach oben. In der Takelage, auf Mast und Segel weitere Matroseln. Mit Gartenschläuchen bewaffnet spritzten sie Unmengen von Wasser auf das Deck, auf uns.

Schalk ging um den Hauptmast herum. Von diesem nicht mehr verdeckt war nun zu erkennen: Eine schwere Windmaschine, die auf grösster Einstellung in die Segel pustete, diese halb zerfetzte und dabei laut pfiff.
Mit einem Beil lief ein Matrosel hin und her und hieb Löcher in Reeling und Planken.

Fassungslos sah Schalk zu Rubosch. Der drehte sich fragend um zu mir. Von allen Dingen, die wir uns unter einem Sturm vorgestellt hatten, entsprach dies am wenigsten unseren Erwartungen.

Wir betraten zielstrebig die Brücke, hatten dem Herrn Kapitän einige Fragen zu stellen.
Das Steuerrad drehte sich schnell um die eigene Achse. Der alte Kapitän - am Steuer festgekettet - schrie laut Befehle und wetterte gegen das Wetter. „Du mieser Sturm!“ Du Ausgeburt der Hölle! Komm nur! Versuch doch, mein Schiff zu holen! Es mit Deinen Klauen zu packen! Ich habe keine Angst!“

Als er uns mit stummen Mienen neben sich stehen sah, verstummte er jäh. Das Tosen der Windmaschine, das sich wirklich wie Windgeheule anhörte durchschnitt die warme Luft. Ab und zu polterte ein Medizinball. Regen prasselte unaufhörlich aus den Gartenschläuchen auf das Deck. Rubosch hatte einen weiteren Matroseln erspäht, der mit einer hellen Leuchte Blitze in den Himmel warf.

Noch einmal, um sich zu vergewissern, dass wir tatsächlich nicht mehr unter Deck weilten, blickte uns der Kapitän an. Ein Matrosel schaltete die Windmaschiene aus. Auch das Prasseln der Gartenschläuche versiegte nun. Alle versuchten zu verfolgen, was sich auf der Brücke abspielte.
Peinlich berührt grinste der Kapitän. Er wollte seine Hand zur Stirn führen, um sich Schweiss oder Regenwasser abzuwischen, kam damit jedoch nicht weit; die Ketten banden immernoch seine Gliedmassen und seinen Körper an das Ruder. So rieb er sein Gesicht kurz am Oberarm.

Einer der Matrosln liess versehentlich einen Medizinball fallen, schnitt eine Grimasse der Verlegenheit und hob ihn schnell wieder auf.
Beschämt nickte der Kapitän in Richtung Horizont. Dann fasste er sich, kniff kurz die Augen professionell zusammen. „Mit etwas Glück erreichen wir morgen Übersee.“ sagte er, um das Thema zu wechseln.