29.12.05

19

Mit dem mittaglichen Zwölfuhrschlag des Glockenturmes verschwanden unsere Begleiter. Sie rannten in alle Richtungen davon, verzogen sich in ihrer Häuser. Und nicht nur der Pulk der Eingeborenen um uns herum, sondern sämtliche Bewohner dieses Landes verkrümelten sich. Wir standen allein auf der Strasse.
Rubosch deutete als erster auf die glühende Mittagssonne, die nun über dem Zenit der Häuserreihen stieg, als sei sie dafür verantwortlich.
„Ja.“ meinte Schalk und holte tief Luft. „Hierzulande sind die Lebensgewohnheiten bestimmt von unserer guten alten Sonne.“ Nach einer gelungen rethorischen Pause fuhr er mit seinem wissenschaftlich anmutenden Bericht fort. „In diesen Längengraden wirkt sie heisser und viel grösser als daheim. Das erklärt sich dadurch, dass dieser Ort durch die Erdkrümmung bedingt sich tatsächlich näher am Gestirn befindet.“ Er deutete auf den leeren Platz, auf dem wir standen. Deswegen machen die Einheimischen in diesen Stunden der grössten Mittagshitze ihr berühmtes Mittagsschläfchen.“

„Prima.“ lobte Rubosch. „Das halte ich für einen ausgezeichneten Brauch.“ Er sah sich nach einem passendem Plätzchen um.
Doch Schalk drängte zum Weitergehen. Ein langer Weg liege noch vor uns und das bisschen Sonne sei doch noch gar nichts, was uns noch erwarten würde. Aber ich bin müde vom ständigen Umherlaufen!“ motzte Rubosch. Auch mir taten die Füsse weh. All das überzeugte Schalk jedoch nicht. Er wollte schleunigst mit seiner Expedition beginnen. „Überlegen Sie bitte einen Schritt weiter, meine Herren.“ forderte er uns auf. „Wenn wir jetzt schon Rast einlegen, müssen wir die nächste um so früher!“
So liefen wir widerwillig weiter, bis die sengende Hitze auch dem guten Schalk zu schaffen machte. „Also schön.“ gestand er uns ein. „Rasten wir.“

Rubosch setzte zu einem triumphalen Siegesgeheul an, liess es aber sein, weil ihm nur zu schnell die Puste ausging. Wir liessen uns unter einem schattigen Baum neben einem netten Springbrunnen nieser. Der Brunnen bestand aus einem steinernden Fisch, aus dessen breitem Maul eine Wasserfontäne schoss.
Nachdem wir uns eine Weile das beruhigende Prasseln der Fontäne angehört hatten, schüttelte Rubosch den Kopf. „Es muss sich bei dem Fisch um einen ansässigen Aberglauben handeln. Die Menschen hier sagen, dass das Wasser aller Weltmeere aus dem Inneren der Fische kommt. Deshalb essen sie auch keinen Fisch.
Sie fürchten sich vorm Wasserbauch.“

Schalk schnarrchte vor sich her. Letztendlich hatten auch ihn die Strapazen der Reise sehr erschöpft.
„Trotzdem braucht er nicht so zu schnarrchen.“ Und Rubosch trat dem Schlafenden in die Seite. Doch der schnarrchte weiter. Verärgert, dass Schalk keine Reaktion zeigte, stand Rubosch auf und lief sich die Ohren zuhaltend zur anderen Seite des Springbrunnens. Langsam nahm er die Hände von den Ohren, testete die Lautstärke und nickte grinsend. „So höre ich nur das erfrischende Plätschern des Wassers.“

Nach einigen Minuten segelte ein Schmetterling daher. Schöne bunte Schwingen. Er vollzog einen majestätischen Kreis über dem Brunnen und landete nach einem atemberaubenden Sturzflug auf Schalks Nase.
Rubosch, der Schalks Sammelleidenschaft kannte, bekam grosse Augen. Langsam schlich er sich heran, tastete nach Schalks Schmetterlingsnetz. Das Insekt verharrte auf der Nase und begann sich die Fühler zu putzen. Dies kitzelte den armen Schalk, der musste fast niesen. „Nicht bewegen, Schalk! Auf Ihrer Nase sitzt eine Butterklähe. Das wird das Glanzstück Ihrer Sammlung!“

Schalk aus dem Schlaf erwachend wusste mit der ungewöhnlichen Situation nichts anzufangen und reagierte instinktiv. Er nieste. Der Schmetterling verschreckt davon, Rubosch wütend mit dem Netz trachtend hinterher.

Jetzt begriff Schalk und war gerührt. „Der gute Rubosch.“ Dann kicherte er leise. „Die Butterklähe habe ich schon.“ zwinkerte er mir zu.
Rubosch kam enttäuscht mit leerem Netz zurück, gab es Schalk und nahm zart wiegend seine Flinte zur Hand. „Das nächste mal werde ich hinter dem Biest herschiessen.“ Er prüfte das Kaliber und zielte auf einen imaginären Schmetterling. „Da muss man nicht so bei rennen.“