29.12.05

7

Im Sechser stieg ein Mann im grauen Anzug zu und setzte sich zu uns auf die letzte Bank. So erregte er das Interesse von Rubosch und Schalk.

Lange musterten sie den Herrn. Der kramte eine Zeitung aus der Aktentasche, setzte sich bequem hin, las. Rubosch und Schalk tauschten Blicke aus, sahen zu dem Mann, wurden unruhig.
Rubosch räusperte sich. Er sass direkt neben dem Fahrgast und da kam es schon mal vor, dass er ihn mit dem Ellenbogen berührte. Versehentlich. Schalk stiess mich an. Lautlos formten seine Lippen Worte. Energisch, mit Blick zu dem Herrn wies er mich an, irgendetwas zu unternehmen. Rubosch und Schalk schienen es nicht ertragen zu können, dass der Eindringling ihre Vormachtstellung auf der letzten Bank streitig machte.
Rubosch räusperte sich wieder. Schalk richtete nun seine Handzeichen an den Herrn. Schnitt sich mit der Handkante über den Kehlkopf, liess die Zunge heraushängen. Ein kleiner Würgelaut kam hervor.

Der Herr nahm keine Notiz davon und blätterte nur die Zeitung um.

Rubosch setzte ein und schlug sich lautlos gegen das Kinn. Auch er kommentierte dies mit Grimassen für den Nachbarn. Der reagierte immernoch nicht.
Die Grimassen und das Pantomimespiel wurden nun blöder und ordinärer. Rubosch hatte eine besonders grässliche. Mit gespreizten Fingern zog er seine Mundwinkel auseinander und schielte mit den Augen in alle Richtungen. Da konnte sich Schalk nicht mehr halten. Er lachte auf.

Der Mann sah auf. Sofort drehten sich die beiden mit den normalsten Gesichtern weg, als sei nichts geschehen. Um, als der Herr sich wieder seiner Lektüre zuwendete erneut ihre Albereien vorzutragen.

Da kam die Durchsage: „Endstation, bitte aussteigen!“

Der Mann blickte auf seine Armbanduhr, faltete die Zeitung zusammen und legte sie zurück in die Aktentasche. Der Bus hielt. Doch Rubosch und Schalk waren schon draussen. Prustend vor lachen sahen sie dem Mann beim Aussteigen zu.

„Entschuldigung.“ Der Herr hatte uns eingeholt, als wir schon das fantastische Panorama der See bestaunten. „Ich glaube, Sie haben Ihr Köfferchen im Bus liegen gelassen.“ Und gab es dem verdutzten Rubosch.

Wir sahen den Möwen zu. Irgendwer hatte einmal gesagt, sie flögen jeden Sommer nach Übersee. Die Luft roch salzig.

Rubosch war noch mit der Episode im Bus beschäftigt. „Was wäre, wenn wir den Mann nicht geärgert hätten? Vielleicht wäre ihm der Koffer gar nicht aufgefallen.“
„Oder er hätte ihn behalten.“ stimmte Schalk zu.
„Aber so ist es noch einmal gut gegangen.“ sagte Rubosch. „Der Herr war auch bestimmt nicht böse. Eher das Gegenteil: So lustige Mitreisende hatte der noch nie.“
„Und er schien oft zu reisen.“ ergänzte Schalk.

Überschwenglich begannen beide, ihre Grimassenoperette von vorhin zu wiederholen. Doch der Witz der Situation fehlte, und bald ging man dazu über, flache Steine ins Hafenbecken plimsen zu lassen.