29.12.05

Vor dem Streit

An regnerischen Tagen sehen die Landschaften besonders trist aus. Graue Farben und dunkle Wolken oben, ungemütliche Winde unten, die die Felder fast flach pusten. Nicht zuletzt die dicken Regentropfen, die auf die Erde niederprasseln. Unser Blick durch das fenster war geprägt von den nach rechts unten geneigten Strichen, in ihrer Struktur wetterbildend.

Wir wussten, die Menschen in den Dörfern liefen aus ihren Häusern. Nicht die Angst vor diversen Blitzeinschlägen, die ja bei Schlechtwetter immer drohen scheuchte sie unter ihren schützenden Dächern hervor. Indem sie im Regen tanzten, erhofften sie, den Frühling und die warmen Tage doch noch anzulocken.

„Aber es ist Frühling!“ brummelte der alte Kapitän. „Es nieselt nur ein wenig.“
Und schon mochte man meinen, verflögen sich die Regentropfenstriche und Sonne und Mond schwitzten gleichzeitig um die Wette.
„Aber dem ist nicht so.“ wirft der Kapitän wieder ein. „Das Wetter bleibt und ändert sich doch nicht, nur weil man es mal schön- oder schlechtredet.“

Auf See wisse man das und verhalte sich nicht, wie es das Wetter vorschreibe. Da müsse sowieso gemacht werden, was gemacht werden musste und Regenschirme seien die Segel der Landratten, führte der alte Kapitän weiter aus.

Wie gut, dass wir im Trockenen sassen. Das Kaminfeuer brannte wieder mal in geselliger Runde und der Kapitän stopfte sich ein Schmauchpfeifchen. Rubosch, Schalk, Scholz und ich sassen bei Portwein daneben.

Nach Stunden des Regens, den etlichen aufregenden Geschichten von hoher See wurde der kapitän schlagartig heiser und beendete seinen Vortrag jäh.
Der letzten Geschichte fehlte das noch das packende Ende und Rubosch flehte den Alten an, es doch wenigstens in Stichworten zu umschreiben.

Scholz stand am Fenster und bewunderte den obwohl vom Wetter misshandelten Garten, dessen Pracht und die massgerechten Schnittkanten der Hecken.
„Ja, das Auge sieht mit.“ und nicht ohne Stolz erklärte Scholz die Vorgehensweise mit Seil und Gartenschere.

„Eine Heidenarbeit muss das sein.“ Nachdenklich schüttelte Scholz den Kopf.

Und da fiel es Schalk auch schon wieder ein: „Und sie steht auch schon wieder an.“

Rubosch konzentrierte sich auf den Korken einer weiteren Flasche. Der Kapitän hustete stark aus. Scholz blickte zum grossen Fenster hinaus und schüttelte noch immer nachdenklich den Kopf. Auch ich gab vor, die letzte Bemerkung nicht gehört zu haben.

„Ich brauche dazu ein paar hilfsbereite Freunde, die auch mal anpacken können.“ versuchte Schalk es erneut.

Scholz´ Blick wanderte über die meilenlange Fassade aus klitzekleinen Ästchen, mit klitzekleinen Blätterchen. Übermannshohe Hecken, wochenlange Arbeit. Sein Blick wanderte zum Himmel. Er schrie fast auf: Die Wolkendecke löste sich! Es hatte aufgehört zu regnen!
Scholz stürmte auf die Veranda und roch den Duft der Frische, die nach Regengüssen von den Blättern der Welt zu tropfen pflegt.
„Moment!“ schrie Schalk, als wir anfingen barfuss auf der nassen Wiese zu spielen. Schuldbewusst sahen wir zu Boden.
„Feiern und spielen könnt Ihr! Den Park schön finden auch!“ Er verschränkte die Arme. „Aber Ihr steht auf Hab und Gut. Muss gepflegt werden.“ Er deutete auf Scholz. „Haben Sie nicht neulich von Vergänglichkeit gesprochen? Und dass alle lieber aufwärts statt abwärts denken sollten?“

Scholz erhob Einwände: „Das mit Vergänglichkeit stimmte. Aber aufwärts und abwärts habe ich nie gesagt!“
„Richtig. Das ist mir wohl nachträglich dazu eingefallen.
Zustimmend nickten wir.