29.12.05

20

Vor einem grossen Waldgebiet, das sich bis weit über den Horizont erstreckte standen einige Blockhütten verträumt am Wegesrand. Eine kleine Ortschaft, auf keiner Landkarte verzeichnet trotzte der gewaltigen Masse aus Bäumen und Pflanzen. Es schien, als recke der Dschungel mit seinen Klauen nach den Häuschen und drohe, sie spätestens nächstes Frühjahr zu verschlingen.

„Hier muss es sein.“ gab Schalk bekannt, nachdem er den Absender von Scholz´ Brief mit einer Art Ortsschild - zwei zusammengeklebte Sperrholzstücke, die am Wegesrand an einen Baumstumpf gelehnt waren, auf denen das Wörtchen „Ortschaft“ gemalt war - verglich. Ein brauner Hund kam auf uns zugetrottet. Ebenso wie die Ortschaft war das Tierchen verträumt und verschlafen anzuschauen und es schnupperte beiläufig in unsere Richtung.
„Ei, was für ein feiner kleiner!“ jauchzte Rubosch, der Hunde sehr gern hatte.
Doch Schalk belehrt ihn, dass - abgesehen davon, dass Tiere sowieso keine Sprachen verstehen - dieses in Übersee einheimische Exemplar unsere Heimatsprache ganz und gar nicht verstand.
Rubosch sah das ein, liess aber nicht ab, dem Hund zum Spielen hinterher zu rennen. Der tobte auch mit, kläffte erfreut, ran, sprang und lief als sei nichts gewesen ohne sich umzudrehen davon. „Undankbarer Köter.“ beschwerte sich Rubosch enttäuscht.

Dann entdeckten wir eine uns wohlbekannte Gestalt aus einer der Blockhütten treten. „Rubosch und Schalk!“ rief Scholz laut. „Ihr alten Schwerenöter! Habt Ihr endlich Euren inneren Schweinehund überwunden und seid hergekommen!“ Auch mir klopfte er freundschaftlich auf die Schulter.

Begeistert wurde Wiedersehen gefeiert und Scholz öffnete eigens dafür eine gute Flasche Portwein. Es wurde gelacht, gescherzt und natürlich viele Gefahren geschildert, die uns angeblich während unserer Reise begegnet sein sollten.

Dann wurde die gesellige Runde plötzlich still, und Scholz war an der Reihe, von seinen Erlebnissen zu berichten. Er trank sein Glas aus.
Nach seiner Ankunft sei er stundenlang herum geirrt, ohne Land und Leute zu verstehen, erzählte Scholz noch immer sein leeres Glas in der Hand haltend. Rubosch schlich sich unbemerkt mit der Flasche an und goss nach.
Ein Einheimischer habe Scholz schliesslich zu einem Gelehrten gebracht, der mehrere Sprachen beherrsche. „Endlich einer, mit dem ich reden konnte.“
Gelehrte, erklärte Scholz seien hierzulande angesehene Leute, die oft aus ihrer Klugheit Kapital zu schlagen wüssten. So habe der Gelehrte ihm eine Unterkunft angeboten - die Blockhütte, in der wir sassen. „Zu einem vernünftigen Preis. Der Mann ist wirklich kein Halsabschneider.“

Scholz beschrieb uns seine Welt als köstlich und angenehm. Am überzeugendsten sei das Klima, und man sah seinem Teint die Einwirkungen des Sonnenlichts an.

Ob er denn seine Ziele erreicht habe und ob er bald weiterzog, wollte Schalk wissen. Scholz dachte lange über diese Frage nach. Zwischendurch musste Rubosch eine neue Flasche aus der Küche holen, ohne Scholz beim Nachdenken zu stören.
Schliesslich grinste Scholz. So eine Reise wie er sie begehe sei nie zuende. Und wer weiss, vielleicht triebe es ihn ja schon sehr bald weiter. Übersee sei gross, da gebe es noch genug zu entdecken.

Und schon bei der nächsten Runde Portwein, die Rubosch uns einschenkte wurde schon wieder heftig gelacht.
Langsam brach die Dämmerung nicht ohne einen tief roten Sonnenuntergang herein.

Scholz´ Behausung war auf massivem Holzpflöcken gebaut und hatte ein fast flaches Strohdach, auf dem dicke Felsen lagen. „Zur Verschönerung.“ wie Scholz ergänzte.
In diesem engen Quartier hatte er es sich richtig gemütlich gemacht. Und nicht zuletzt ein loderndes Kaminfeuer regte unsere Plauderein noch in den späten Abendstunden an.
Schalk und ich sassen auf dem Sofa, Rubosch lag auf dem Bärenfell und der grosse gemütliche Lehnsessel war für Scholz, der gerade in der Küche einen Happen zubereitete.

„Keine schlechte Wohnung für eine fremde.“ nickte Schalk, als sein Blick über die herrliche Einrichtung wanderte.
Rubosch spielte mit dem Bärenkopf. Zog den Oberkiefer hoch und liess ihn laut zurück schnappen. Ein schnappendes Geräusch entstand. „Ein stolzes Tier.“ kicherte Rubosch. Er kroch um das Fell herum und verharrte an dessen Kopfende auf allen Vieren und knurrte, kicherte betrachtete es. „Wenn man dem Bären so in die Augen sieht, wirkt er sehr lebendig.“
Rubosch wurde nachdenklich, klappte noch einmal den Kiefer hoch und erschauderte.
Bevor Scholz mit dem Tablett kam, kroch Rubosch zu Schalk und mir auf das Sofa.