29.12.05

38

„So habe ich es dann auch wieder nicht gemeint!“
Schalk fror und war müde. Außerdem war er in der Dunkelheit in eine knöcheltiefe Pfütze getreten und nun war sein linker Schuh und Socken pitschnass. Er hatte Schwierigkeiten, dem Anschluss zu behalten, vermutlich, weil er am Tag so geschwind marschiert war.

Der Entschluss des Kapitäns, sofort und in der Nacht die Spur aufzunehmen konnte und wollte Schalk nicht gut heißen.
„Nachts durch den Wald laufen ist sehr gefährlich.“ Wiederholte er andauernd. „Da gibt es noch wildere Tiere, die noch nie jemand zuvor gesehen hat, eben weil sie nur in der Dunkelheit aktiv sind.“

Bestätigend hörten wir eine Mischung aus Grunzen und Heulen, das niemand zuordnen konnte.
Schalk war verständlicher Weise ein bisschen eingeschnappt, wie er mir leise eingestand.
„Als ich schnell los wollte, wurde ich ignoriert. Und nun hört alles auf das Kommando vom Kapitän.“
„Alles hört auf mein Kommando!“ feuerte der Seemann uns von ganz vorne an.

Als klar war, in welche Richtung die Spur führte hielt den alten Mann nichts mehr im Lager. Er befahl den sofortigen Aufbruch und entließ sogar das Waldschwein, das seine Dienste abgeleistet hatte.
Der Kapitän war wahrscheinlich wieder der alte Seebär, wie wir ihn kannten. Der Urlaub war für ihn vorbei, nun gab es wieder etwas, wofür es sich zu kämpfen lohnte.

Schalk hatte ein wenig gemault. Immerhin war diese Expedition von ihm ins Leben gerufen und geplant. Aber der Kapitän hatte nun mal als ranghöchster und dienstältester Offizier das Kommando übernommen. Und er legt eine Tempo vor, das uns wirklich einiges abverlangte. Schalk keuchte, stolperte über eine Wurzel, die bestimmt mit Absicht vor Schalks Füssen gewachsen war, und wünschte sich insgeheim wieder nach Hause.
Einzig die Tatsache, dass es hier um seinen Freund Rubosch ging, motivierte ihn zum Weitergehen.

„Sie müssten doch eigentlich zufrieden sein. Endlich geschieht etwas.“ Meinte Scholz, der nun hinterher lief, um ihn auffangen zu können, falls er wieder stolperte. Schalk gab ihm schon recht. „Wie aber will man bei Dunkelheit inmitten von Gestrüpp einer Spur folgen?“
Das war ihm ein Rätsel, das konnte er nicht nachvollziehen.

Da ertönte von der Spitze der Expedition, die wie immer hintereinander lief das besserwissende „Aha!“ des Kapitäns. Im Schein seiner Funzel konnte man erkenn, wie der Kapitän einen weiteren abgeknickten Ast betrachtete.
Er beriet sich mit dem Buschmann und sie waren sich einig, dass Ruboschs Entführer einen Richtungswechsel vorgenommen hatten. Nicht mehr Süd-Süd-West, sondern Süd-West-West.

„Als ob das einen großen Unterschied macht.“ Jammerte Schalk, der dem Kapitän diesen Erfolg nicht gönnte.

Scholz war irritiert: „Sagen Sie, Herr Kapitän, wie ist Ihnen denn dieser weitere Ast aufgefallen – unter zehntausend anderen in der Dunkelheit?“
Der Kapitän warf einen kurzen Blick zu Schalk und vergewisserte sich, dass dieser damit beschäftigt war, seinen nassen Strumpf gegen einen trockenen aus seinem Gepäck zu wechseln.
„Es ist gar kein neuer Ast, sondern der alte. Nun ja, wie sollte ich sonst meinen anfänglichen Fehler korrigieren, es war nicht Süd-Süd-West, sondern Süd-West-West.“
Der Kapitän begann, weiter zu marschieren und ergänzte nur für Scholz hörbar: „War auch eine blöde Idee, nachts zu marschieren. Aber wie steht ein Seemann da, der alle paar Minuten seine Meinung ändert?“

Und so liefen wir weiter durch die Dunkelheit. Inzwischen war jeder von uns mal in eine Pfütze getreten, jeder war müde und schimpfte innerlich auf den tyrannischen Kapitän.
Als auch der dann in seine Pfütze trat und schlimm hinfiel, ließ er auch seinen geknickten Ast fallen. Er fluchte. War dieser doch die einzige Spur. Er beleuchtete die Stelle, an der das Holz auf den Boden gefallen sein musste, doch da lagen hunderte Stöckchen, alle geknickt, aber alle mit Moosbewuchs, der verschiedene Himmelsrichtungen aufzeigte.

„Und was machen wir dann jetzt?“ fing Schalk wieder an zu jammern. Der Kapitän brummelte. „Wir schlagen unser Lager auf, was denn sonst?“ „Und Rubosch?“ Der Kapitän winkte ab. „Ach der! Der ist doch egal.“ Und zu Schalks Entsetzen fügte er hinzu: „Und wahrscheinlich schon längst tot.“