29.12.05

39

Rubosch befand sich in einem scheinbar endlosen schwarzen Raum. Nichts war zu sehen. Offensichtlich befand er sich in einem schwerelosen Zustand, denn mal konnte er kopfunter schweben und dann wieder kopfüber gleiten. Erst fürchtete er sich, weil er dieses Gefühl nicht kannte. Nach ein paar Schwimmbewegungen und –übungen empfand er jedoch auch ein gewisses Kitzeln im Bauch, das ihn an Schaukeln in der Kindheit erinnerte. Er wunderte sich über diesen Zustand, der über alles hinaus ging, was er bisher in Übersee erlebt hatte.
Er fragte sich, wie er an einen solchen Ort gelangen konnte, denn das letzte, was er wusste, war, dass er beim Absichern der Nachhut nur zwei Schritte zu weit vom Weg gedappt war und gestürzt ist. Der Rest war Schwärze. Er versuchte auch noch, seinen Kameraden zuzurufen, doch da ertönten seine Schreie auch in eigenartigem Hall.

Der scheinbar endlose schwarze Raum schien Licht nicht zu reflektieren, dafür aber den Schall zurückzuwerfen. Außerdem war es kalt. Nicht so wie im Winter, wo man im Schnee friert, obwohl man drei Pullis trug. Die Kälte an diesem Ort hatte etwas beklemmendes. Eine Art Einsamkeit spielte mit. „Wahrscheinlich, weil niemand da ist außer mir.“ redete er sich laut ein, auch um den Hall zu überprüfen. Als ob er in einer großen Kathedrale eingesperrt war. Aber es war kein Gebäude, in dem er sich befand. Ein Blick nach oben zeigte einen offenen Sternenhimmel, aber nicht den, den er von zuhause her kannte. Sämtliche Sterne schienen auf ihn zuzurasen.
Erst zuckte Rubosch zusammen, denn es sah so aus, als ob die Sterne über ihm zusammen brechen würden. Doch das Phänomen hörte nicht auf. Keiner der rasenden Sterne traf auf ihn ein, erreichte ihn nicht. Es war ein Geschwindigkeitssyndrom ohne Anfang und Ende.

Als alter Hobbymathematiker versuchte er Flugbahnen und Einschlagswinkel zu errechnen. Doch das schlug fehl. „Weil ich die Massegrößen nicht kenn.“ Wie er sich selbst verriet.
Als sich nichts an seinem Zustand änderte setzte er sich erst mal. Worauf konnte er nicht erkennen. Rubosch fühlte sich – von den Eindrücken der Sterne, die sich als Striche abzeichneten – wie im Mittelpunkt des Universums. Als ob er sämtliche Himmelskörper anziehe. Das konnte natürlich nicht sein – er war ja nur ein Mensch, dessen Masse nichts der Masse der Sterne entgegen setzen konnte. Schuld musste der Ort sein, an dem er sich befand. Und er war nur Beobachter. Ein Blick auf seine teure Taschenuhr zeigte ihm eine weiter Instabilität: Die Zeit verging langsamer. Der Sekundenzeiger raste zwar ums Zifferblatt, aber Minuten und Stunden schienen nicht zu vergehen, die entsprechenden Zeiger bewegten sich gar nicht. Dafür sein Bartwuchs. In den letzten Minuten – seit dieses Kapitel begonnen hatte spross sein Bart mit extremer Geschwindigkeit. Und ehe er es sich versah, hatte er schon wieder Geburtstag.
„Aber wen hätte ich auf die Schnelle einladen sollen? Geschweige denn die Vorbereitungen für die Feierei?“

Und während er noch grübelte wurde er ein weiteres Jahr älter.
Kein Zweifel, er befand sich in einer Singularität. Etwas, was noch keinem Menschen vor ihm geschehen war. Das war natürlich etwas besonderes. Aber mit wem sollte er dies teilen? Sein Freund Schalk war nicht anwesend. Mit wem hätte er dies teilen können?

Einen Versuch machend warf Rubosch einen Stein, der da eben so lag in die Luft. Der kam nicht zurück. Im Gegenteil. Gegenstände, die fortgeschleudert wurden müsste für den Betrachter zunehmend kleiner werden. Dieser wurde größer. Irgendwann, etwa auf Höhe der ersten heranrauschenden Sterne kehrte seine Flugrichtung um. Der Stein wurde immer schneller und Rubosch musste springen, damit ihn das Geschoss nicht traf. Des weiteren trafen die ersten Sterne ebenfalls neben ihm ein, sie verschwanden, gingen – wie der Stein – in der Schwärze, die Rubosch umgab ein, lösten sich auf, oder – das war wahrscheinlicher – vereinigten sich mit dem Ort, an dem er sich befand. Dieser wurde größer. Jedenfalls empfand Rubosch es so. Und da die Zeit ebenso raste, wie sich nicht bewegte war es eigentlich klar. Er befand sich direkt in einem Schwarzen Loch, genauso, wie es die Wissenschaftler immer beschrieben hatten.