29.12.05

27

Als die Nacht herein brach, schlugen wir unser Lager auf. Rubosch war sehr aufgeregt. „Ein richtiges Nachtlager mit Wachablösung!“ Und er übernahm freiwillig die erste Schicht. „Da bin ich noch nicht so müde.“ Noch bevor die beiden Zelte aufgebaut waren sass er schon mit seinem Schiessgewehr im Ansachlag auf der Lauer.

„Aber Rubosch.“ erhob der Kapitän mahnend den Zeigefinger. „Bevor man ein Lager bewachen kann, muss es erst errichtet worden sein.“
Rubosch betrachtete prüfend den Boden des Lagers.
Der Kapitän zeigte in den Urwald. „Helfen Sie Schalk, das Feuerholz zu sammeln.“

Schalk schlug mit dem Piratensäbel auf einen grossen Baum ein. Die scharfe Klinge auf die Rinde schlagendend lächelte Schalk Rubosch an. „Vielleicht wissen Sie, wie das geht. So fest ich auch auf das Holz eindresche, nur die Rinde löst sich. Und das gutbrennende Holz dieses alten Baumes bleibt an einem Stück und wächst wohl bis in alle Ewigkeit weiter.“

Rubosch nickte. „Ja, Feuerholz beschaffen will gekonnt sein.“ Er nahm den Säbel und begann, mit aller auf den Baum einzudreschen. Er erklärte dem anderen, dass es auf den Einschlagswinkel ankam. Er musste doppelt so gross sein, wie die angewendete Kraft.
Rubosch konnte auch nur die Rinde abscharben und Schalk fing an, sich lustig zu machen. Rubosch wusste scheinbar auch nicht besser über Feuerholz bescheid und ob die Rinde nicht auch gut brannte. Rubosch setzte ein und behauptete, das Messer des Kapitäns sei stumpf. Sie prusteten vor Lachen.
„Die Klinge dieses eindruckvollen Säbels ist so stumpf,“ die Waffe hoch in die Luft haltend präsentierte Rubosch sie einem imaginären Publikum, „da ist sein Knauf ja viel schärfer!“ Er schlug mit dem Knauf gegen die Rinde und trennte ein grosses Stück ab. „Sehen Sie.“
Während Schalk sich vor Lachen den Bauch hielt, schlug Rubosch weiter zu. Plötzlich sprang der Knauf ab.
Rubosch und Schalk blieb das Lachen nun im Halse stecken. Nervös blickte Rubosch hinter zum Kapitän, der jedoch nichts mitbekommen hatte.
Schalk untersuchte den zu Boden gefallenen Knauf. „Da wird der Kapitän aber sehr böse auf Sie sein, weil Sie ihm seinen teuren Säbel kaputt gemacht haben.“
„Wieso?“ schimpfte Rubosch. „Er hat ihn doch Ihnen geliehen, nicht mir.“
Schalk wurde böse. „Sie haben ihn mir aus der Hand genommen!“

Während sie stritten rutschte aus dem knauflosen Säbel, welchen Rubosch noch immer verkehrt herum in der Hand hielt, ein gelb braunes Papierröllchen.

Rubosch und Schalk blickten sich an. Dann wieder den Zettel. Dann den Kapitän und schliesslich wieder sich.

In erhabener Vorahnung stürzten sie sich auf das Röllchen. „Das muss eine Schatzkarte sein“ schrie Rubosch.
Schalk erklärte: „Die braucht man, wenn man einen Schatz finden will.“ Er überlegte und beobachtete den alten Kapitän, der mit dem Aufbau des zweiten Zeltes beschäftigt war. „Sicher hat der Kapitän nichts von diesem Geheimplan gewusst. Er hätte uns doch schon längst davon erzählt.“

Rubosch hatte das Zettelchen entrollt und war enttäuscht. „Kein Schatzplan.“ meinte er. „Nur die Anleitung, wie man den Knauf wieder auf den Säbel schraubt, wenn er mal abgegangen ist.“ Er rollte das Papier wieder zusammen, steckte es zurück und schraubte den Knauf auf. „Ganz einfach. Sehen Sie?“ Er übergab den Säbel an Schalk.

Der machte sich an einem anderen Baum wieder an die Arbeit. „Weil der kleiner ist und keine Rinde hat.“ Er setzte den Säbel an und schlug zu. Tatsächlich war deutlich eine Kerbe zu sehen. Er setzte wieder an.
Da drang von den Zelten die laute Stimme des Kapitäns zu ihnen: „Halt! Dieser Baum steht unter Naturschutz! Können Sie nicht lesen?“

Einen halben Meter über Schalks Kopf hing ein grünes Schild am Baum.
„Naturschutz - Nicht berühren!“ las Rubosch laut vor.
Der Kapitän kam dazu gelaufen. „Naturschutz ist eine nützliche Sache. Stellen Sie sich vor, man dürfe hier in der Wildnis, wo noch nie ein Mensch zuvor hingekommen ist, einfach jedes seltene Pflänzchen abschlagen. Wie sähe es denn dann hier aus?“
Grinsend führte der Kapitän Rubosch und Schalk bei den Schultern zurück zur Lagerstelle. Dabei kamen sie am ersten Baum vorbei. Der alte Mann zeigte auf den Haufen mit der abgeschlagenen Rinde. „Aber da ist ja Feuerholz. Tragen Sie es schnell zum Lager. Rinde brennt gut und lang, wird aber auf dem Waldboden gelagert rasch feucht.“

Die Arme voller Rindestückchen betrachtete Schalk noch einmal das Schild auf dem Baum. „Aber wenn in die Wildnis noch nie ein Mensch hergekommen ist: Wer hat das Schild aufgehängt?“
„Seien Sie nicht enttäuscht.“ sagte der Kapitän, als er die Rindestückchen sorgfältig aufschichtete. „Gerade hier im Dschungel ist vieles nicht, was es zu sein scheint.“

Als das Feuer brannte und wir alle in einer Runde beisammen sassen erzählte der Kapitän von Pflanzen und Blumen, die die Gabe der Täuschung besassen und in Wirklichkeit gemeine Fleischfresser waren, die ein Haus aufessen konnten, wenn es nur aus Fleisch gewesen wäre.