29.12.05

31

Je länger wir durch den Dschungel wanderten, desto dichter wurde er. Fast unpassierbar war er, doch der Kapitän fand immer eine Lösung die noch so sperrigsten Hindernisse zu umgehen. Umgefallene Baumstümpfe und Gebiete mit Treibsand hätten uns anderen schon zum Umkehren gezwungen, da bastelte der Kapitän eine provisorische Leiter oder entdeckte ein ungefährlichen Pfad indem er sein Ohr lauschend an den Boden hielt.

„Doch das ist noch nicht alles!“ verkündete der Kapitän. „Wir sind noch nicht weit in den Dschungel vorgedrungen.“
Schalk verglich die Aussage mit seiner Landkarte. „Es stimmt.“ Er zeigte auf einen grossen grünen Fleck, der über zwei Drittel der Karte ausmachte. „Das ist das Dschungelgebiet. Und hier stehen wir im Moment.“ Er zeigte auf einen Punkt, der sich auf der schwarzen Randbegrenzung des Dschungelgebietes befand. Nachdem er sich kurz im Wald umblickte setzte er den Finger korrigierend auf einen Punkt, der einige Millimeter neben dem alten, aber immer noch auf der Randmarkierung lag. „Nein hier.“
Wir betrachteten die Karte voller Ehrfurcht. Schalk wies nun auf einen Bereich in der Mitte des Dschungels. „Und hier müssen wir hin.“
„Das kann ja Wochen dauern.“ schluckte Rubosch.

Der Kapitän wollte jetzt wissen, worin das Ziel der Expedition liege. Rubosch und Schalk erläuterten begeistert das Vorhaben, einen richtigen Schatz zu finden und ihn selbstverständlich mit allen zu teilen.
Der Kapitän lachte. „Meine lieben Freunde! Ich wusste ja nicht, dass Ihr es ernst meintet!“ Er setzte sich auf einen Baumstumpf, legt den Säbel in den Schoss. „In unseren heutigen Zeiten gibt es doch keine Schätze mehr! Sind alle schon gehoben. Richtige Ausgrabungsexpeditionen waren schon Jahre vor Euch da, die wussten genau um historische Standorte und Piratenwanderungen im Dschungel. Und alles haben sie dem Museum gespendet!“ Sein Lachen wurde lauter.
Dann zeigte er belehrend auf unsere Umgebung. „Der letzte Schatz, den es hier noch gibt, ist die Natur.“ Er atmete tief ein und nickte anerkennend. „Die gute Seeluft ist auch nicht besser.“ Auch wir anderen atmeten tief ein.

Rubosch und Schalk waren sehr enttäuscht. Wozu sollten sie diese Strapazen auf sich nehmen, die Gefahren fern von der Heimat, wenn am Schluss nichts dabei raussprang? „Ein Schatz wäre ja das mindeste.“ sagte Rubosch. „Wir haben uns doch schon so darauf gefreut.“
Der Kapitän kramte nach Tabak und liess sich nicht mehr aus der Ruhe bringen. „So ist die Welt, meine Herren. Je mehr Zeit insgesamt vergangen ist, desto mehr Menschen erreichen Eure Ziele vor Ihnen.“

„So schnell wollen wir doch nicht aufgeben, oder?“ bettelte Schalk Scholz und mich an. Wir hatten uns ebenfalls auf Baumstümpfe gesetzt. Die ernüchterne Wahrheit hatte uns arg zugesetzt. Und ohne richtige Motivation bemerkten wir, wie erschöpft wir waren.
„Etwas Gold werden sie uns schon dagelassen haben.“ vermutete Schalk.
„Und genug Edelsteine.“ warf Rubosch ein.
Sie malten sich aus, dass es genug sein würde, um auf dem Rückweg ein Taxi nehmen zu können. „Und höchstwahrscheinlich eine Flasche Portwein obendrauf.“ ergänzte Rubosch kalkulierend. Mit Portwein, dachte er sich, konnte man den Kapitän bestimmt dazu bringen, weiter zu laufen. Er wollte zum Kapitän sehen, um dessen Reaktion zu deuten, aber der war weg!

Erschrocken suchten wir in allen Blickrichtungen nach dem Kapitän. Wie konnte er unbemerkt von der Bildfläche verschwinden und warum hatte er nichts gesagt? Rubosch hielt das Gewehr im Anschlag, Scholz führte die Hände zum Mund, um seinen Ruf zu unterstützen: „Herr Kapitän! Wo sind Sie?“
Schalk hatte Spuren an der Stelle entdeckt, an der sich der alte Mann zuletzt befunden hatte. „Zwei ganz kleine Menschen mit nur vier Zehen an jedem Fuss müssen ihn davon getragen haben.“ erkannte er. „Und Durchfall haben sie auch.“

Wir folgten den Spuren einige Meter und fanden unseren Kapitän alsbald wieder. Der vermeindliche Baumstumpf, auf den er sich gesetzt hatte war in Wirklichkeit ein wildes Schwein, das den Waldboden nach Leckerein abgesucht hatte. „Als ich nicht wieder aufstand, lief es unbekümmert, mich Huckepack nehmend weiter.“ berichtete der Kapitän, sich seelenruhig immernoch die Pfeife stopfend.