29.12.05

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„Das Geräusch, das Sie letzte Nacht gehört haben, Schalk,“ nuschelte der Kapitän in seiner täglichen Morgenmuffeligkeit am neuangefachten Lagerfeuer, „War der Klageschrei eines Bass-Kolibris, der eigentlich viel weiter nördlich angesiedelt ist. Erst plötzlich merkt er, dass er weit weg von zuhause ist und fängt an zu heulen.“
Schalk war beruhigt. Es lag allerdings auch an Ruboschs Portwein, weshalb er nicht sehr lebhaft wirkte.
„Ein weiterer Grund, weshalb ich nicht viel sprechen möchte ist, dass Rubosch fehlt.“

Verlegen blickten alle Expeditionsteilnehmer in verschiedene Richtungen. Schalk trauerte weiter. „Was, wenn ein riesiger Tintenfisch Rubosch gekrallt hat, und ihn erst wieder hergibt, wenn wir ein Lösegeld von zwanzigtausend Tonnen erste Klasse Plankton zahlen?“
Da nickte der Kapitän, der sehr viel von den Bewohnern wusste. „Diese Viecher sind schon in der Lage, solch eine Forderung abzugeben.“ Er begann, sich eine Pfeife zu stopfen. „Allerdings kann ich mir nicht vorstellen, dass Tintenfische sich ans Festland wagen. Sie sind Meerestiere und haben gar keinen Pass.“
Indem sich der Kapitän mit zwei Hölzchen ein Feuer machte, brachte er seine Pfeife zum Schmauchen.

Nach einer Sprechpause fuhr der Kapitän jedoch fort diverse Schauermärchen zum Besten zu geben.

Alle blickten wir zu Boden. Ruboschs Verlust tat uns allen zu sehr weh und der Kaffee hatte noch nicht fertig gekocht. Wir mussten etwas tun, um Rubosch zu befreien. „Kann man ihn überhaupt befreien?“ fragte Scholz. Der Buschmann nickte. „Wenn er – wie ich glaube – von Angehörigen der bösen Buschvölker in die Falle gelockt wurde und anschließend entführt wurde, dann ist es in der Tat möglich, den Ärmsten zu befreien.“ Der Buschmann blickte uns alle an und verkündete geheimnisvoll etwas, was noch nie jemals ein Nichtbuschvolkangehöriger gehört hat. „Es gibt einen Zauberspruch, den nur der jeweils älteste Medizinmann eines Stammes aussprechen kann.“
Schalk warf ein: „Weil dieser reif genug für einen derartigen Zauber ist!“ „Nein.“ entgegnete der Buschmann, „Weil ihm sein Gebiss herausgefallen ist.“
Wir lachten alle. Aber es war uns eigentlich gar nicht zu lachen zumute.
Da stand der Kapitän auf. Weil er wisse, was in solchen Fällen zu tun ist – instinktiv, schließlich sei er ein Seemann – bestimme er nun die weitere Vorgehensweise. „Wenn dieser Rubosch in ein Loch gefallen und verschwunden ist,“ er zeigte auf die Fallgrube, neben der wir unser Nachtlager aufgeschlagen hatten, „dann wird er auch eines Tages wieder auftauchen.“
Das verstanden wir nicht. Und so erklärte uns der Kapitän seine Version der Relativitätstheorie, deren Vorbereitung schon eine halbe Stunde dauerte. Und so wurde es Mittag, bis wir die Grundzüge seines Plans, Rubosch wieder zurück zu bekommen in seinen Grundzügen begriffen.
Die vor uns liegende Falle sei ja schließlich nichts weiteres als ein schwarzes Loch. „Gewiss,“ lenkte der Kapitän ein, „man muss bei der Mittagssonne ein wenig die Augen zukneifen.“ Wir kniffen die Augen zusammen. „Aber eine Sonne“, fuhr der Kapitän fort, „ist auch nur ein Himmelskörper. Uns mit diesen habe ich bekanntlich sehr viel zu tun. Immerhin muss ich navigieren.“ Der Kapitän sah uns alle an und fügte hinzu: „Auf See.“

Wir nickten. Schalk sah mich an. „Es klingt ganz plausibel. Aber ich habe nicht verstanden, was er eigentlich vorhat.“
Verstanden hatte ich es auch nicht. Aber was macht das, angesichts dieser bewegenden Worte dieses verwegenen Mannes?

Der Kapitän kam zum Kern seiner Aussage. Laut seiner Relativität konnte ein Objekt nur begrenzte Zeit in einem Schwarzen Loch verharren. Irgendwann seien die kosmischen Schwingungen so laut, dass es zurückkehre.
„Rubosch ist zwar kein Objekt, aber ansonsten ist das plausibel.“ Überlegte nun Scholz. „Ich finde jedoch, dass wir versuchen sollten, eine Spur zu finden, der wir folgen können. Gewiss befindet sich Rubosch in einem Lager von bösen Buschleuten.“
Der Buschmann, der von Physik wenig Ahnung hatte stimmte ein. „Böse Buschleute pflegen ihre Gefangenen noch ein wenig zu quälen, bevor sie sie aufessen. Wir haben also nicht mehr viel Zeit.“

Gegen Abend hatten wir den Kapitän überzeugt, dass Handeln statt Abwarten der richtige Weg sei. Weil die Dämmerung schon einsetzte, beschlossen wir, einfach eine weitere Nacht an Ort und Stelle zu verbringen.