Als ich am folgenden Morgen erholt aufwachte und aus dem Zelt trat, war Rubosch nicht da.
Wir hatten ihn für die letzte Nachtwache eingeteilt und er hatte die letzten Stunden vorm Morgengrauen genutzt, unseren Weg mit dem Säbel schon einmal vorzubereiten.
Als wir mit dem Frühstück fertig waren, kam er die Schneise zurück gerannt und lud uns ein, dem Weg zu folgen.
Natürlich kamen wir schneller voran, aber Schalk beschwerte sich, dass wir von der geplanten Route abkamen.
„Ein paar Grad weicht Ihre Strecke von der vorher festgelegten ab.“ Schalk überlegte einen Moment. „Das bedeutet einen Umweg von zwei Stunden.“
Druch Ruboschs eifrige Vorbereitungen gewannen wir aber mindestens vier oder fünf Stunden, was Schalk auch einsah.
Der Kapitän sagte zu alledem nichts. Ihm war es gleich, wie schnell sie voran kamen. Überhaupt beteiligte er sich kaum noch an unseren Konversationen und schien in sich verschlossen stets auf seinem Waldschwein dahinzuschlummern. „Wir machen uns richtig Sorgen.“ erklärten mir Rubosch und Schalk. Als der Kapitän darauf angesprochen wurde, meinte dieser: „Sie können sich gar nicht vorstellen, wie müde Sie sind, wenn Sie Ihren Lebtag lang ununterbrochen auf hoher See reisen. Da sind Sie ständig auf der Hut und sind keine Sekunde lang unaufmerksam.“ Er streckte sich ausgiebig und seine weiteren Worte gingen im Genuschel des Gähnens unter. Als er bemerkte, dass wir nicht verstanden hatten, wiederholte er sie: „Selbst hier im Dschungel liess mich der Gefahreninstinkt nicht zur Ruhe kommen. Aber kaum hatte ich mich ein Sekündchen auf meinem Waldschwein ausgeruht, war es um die Wachsamkeit geschehen.“ Wieder gähnte er ausgiebig und im Nuscheln registrierten wir nur das Wort `Ferien´; da war er auch schon wieder eingeschlafen.
„Wenn er schon am Ausspannen ist, muss er es richtig tun.“ gab Schalk dem Kapitän recht. Und richtig Ausspannen sei nicht so einfach. Schalk wies uns beim Weiterlaufen in die genauen Ausspanntechniken ein. „Eine gute Pause erspart uns nämlich weitere zwei Stunden Fussmarsch, weil wir schneller laufen. Eine schlechte Pause macht nur noch müder.“
Wir folgten Ruboschs Schneise schon einige Stunden und langsam wurden wir alle misstrauisch.
„Rein theoretisch müssten wir die von mir vorgearbeitete Strecke schon hinter uns gelassen haben.“ dachte Rubosch laut. „Irgendwer muss die Arbeit fortgeführt haben.“
Wir erschauderten. Im Dschungel war es auch merkwürdig still. Keine Tiere waren zu sehen. Nur der auffällige Pfad, den jemand vor uns abgelaufen sein musste.
Rubosch griff nach seinem Gewehr. Wir rüttelten den Kapitän. Doch der war nicht wachzukriegen.
Schalk hörte ein Geräusch. Aus Angst hielt er sein Schmetterlingsnetz ähnlich wie Rubosch das Gewehr. Noch ein Geräusch. Wir hörten es alle. Wir duckten uns. Wir lauschten. Länger war kein Geräusch zu hören, hatten es fast vergessen, als es wieder zu hören war: „Das Umsäbeln von Buschwerk in einem Dschungel.“ Rubosch erkannte es als erster.
Scholz pierschte sich vorwärts. „Unsere unbekannte Person muss hier ganz in der Nähe sein.“
„Seien Sie leise“ riet Rubosch, der Scholz hinterher schleichend Deckung gab.
Wir anderen blieben ängstlich zurück und sahen die beiden um eine Biegung in der Schneise verschwinden. Schalk starrte mich aufgelöst an. „Was ist, wenn sie nicht wieder kommen? Rubosch hat das einzige Gewehr in unserer Gruppe.“
Wir versuchten sehr leise zu sein. Schalk musste dem Kapitän sogar den Mund zuhalten, der anfing zu sachnarrchen. „Wie kann man nur so schnarrchen?“ flüsterte er mir zu. Ich musste lachen. Immerhin war Schalk es, der Rubosch vor einiger Zeit mit Schnarrchen belästigt hatte.
Die Freunde liessen lange auf sich warten. Schalk ging bald in die Hocke. Setzte sich dann auf den Boden. Als das Warten nicht aufhörte legte er sich hin. Er versuchte sich wach zu halten. So viel Mühe er sich gab, er wurde immer mehr müde. Schliesslich bat er mich um Entschuldigung und beschloss, ein kleines Nickerchen zu halten. Er rückte seine Position zurecht und hatte gerade die Augen geschlossen, als ein Schuss fiel.
Blitzschnell waren wir hellwach.
„Das war Ruboschs Schrot!“ bestürzt sah Schalk in die Richtung, aus der der Schuss kam. Dann fiel noch einer und noch einer. Wir gingen jedesmal in Deckung und sogar der Kapitän wurde wach.
„Da muss ein erbitterter Kampf im Gange sein.“ hatte dieser die Lage sofort erkannt.
Wieder fiel ein Schuss. Jemand kam um die Biegung in der Schneise gelaufen. erst jetzt bemerkten wir, dass die Abenddämmerung eingesetzt hatte und wir Rubosch deshalb erst spät erkannten. Sein Gewehr hatte er nicht in der Hand.
Wir waren bestürzt. Doch Rubosch lachte nur. „Keine Bange.“ Mit einladender Geste bat er uns, ihm zu folgen.
Um die Lichtung gebogen sahen wir ein Lagerfeuer, an dem Scholz und noch jemand sassen. Die Person hatte das Gewehr in der Hand.
„Das ist ein echter Buschmann.“ stellte ihn Rubosch uns vor. Der Buschmann verneigte sich. „Guten Tag.“
„Er hat mich heute Morgen beim Umsäbeln der Schneise beobachtet und die Arbeit einfach fortgesetzt.“ erzählte Rubosch.
Scherzend ergänzte der Buschmann: „Zudem habe ich Ruboschs Arbeit ausgebessert.“ Er zwinkerte mit den Augen und wir lachten.
Der Buschmann hatte viel mehr Übung im sogenannten Buschschneiden und erhoffte sich einen Zulohn, wenn er uns durch den Dschungel führen konnte, erklärte Rubosch.
„Und die Schüsse?“ fragte Schalk.
Scholz legte die Hand auf die Schulter des Buschmanns. „Als wir ihn entdeckten begrüsste er uns selbstverdtändlich sehr freundlich. Er begegnet hier nicht vielen Menschen und ein Gewehr hatte er noch nie gesehen. Also durfte er Ruboschs Schiessgewehr ausprobieren.“
Untermalend schoss der Buschmann in die Luft.
„So beeindruckt wie es den Anschein macht, bin ich gar nicht.“ sagte er. Und wieder lachten wir.
In der darauffolgenden geselligen Abendrunde wetteiferten der Kapitän und der Buschmann im Geschichtenerzählen.
Auch Portwein sollte der Buschmann kosten, kannte er aber schon.
Rubosch bewunderte seinen schönen bunten Zopf. „Das hat bestimmt lange gedauert, den zu flechten.“
„Das mag sein.“ antwortete der Buschmann. „Ich habe ihn als Kind geflochten. Seit dem ist er wie er ist. Hier im Busch verwendet man keine Zeit auf die Haare. Hier lauert man auf mögliche Gefahren und schläft auf Bäumen.“
Rubosch lächelte. „Heute Nacht können Sie bei uns im Zelt übernachten.“
Es war zwar eng, aber durchaus interessant. Denn der Buschmann schlief im Stehen! Das Tat er immer, erklärte er, er war immer in Bereitschaft. Und das im Zelt, das einem stehend bis zur Hüfte ging. Da zog sogar der Kapitän bewundernd vorm Buschmann seinen Kapitänshut.
Eine Nachtwache stellten wir nicht auf, zumal es bis jetzt zu keinen Vorkommnissen während unserer Ruhezeit gekommen war. Ausserdem hatte der Regenwaldregen wieder eingesetzt und wir wollten es keinem von uns zumuten vor den Zelten aufzupassen.