29.12.05

40

Etwas kitzelte Rubosch in der Nase. Er nieste und wachte aus seinem Schlaf auf.
Er befand sich in eine dunklen Raum ohne Fenster. Nur die Ritzen in Tür und Wänden beleuchteten ein wenig die Innenausstattung.
Eine eigenartige Maschinerie aus Bambus, Leinen und Palmenblättern war um ihn herum aufgebaut. Unmittelbar über seiner Nase hing eine Vogelfeder, die ihrerseits von einer Schnur gehalten wurde. Die Vorrichtung wurde von einem Buschmann, der an der Tür stand bedient. Der zog an einer Schnur, sofort setzten sich Bambusstäbe und Seile ruckartig in Bewegung und die Mechanik führte die Vogelfeder heran an Ruboschs Gesicht, kitzelte ihn an der Nase, er musste wieder niesen.

Die Tür ging auf und herein trat ein weiterer Buschmann, der eine über große Totemmaske trug. Er befahl dem ersten Buschmann auf Buschsprache und der hörte auf, an der Bambusmaschine zu ziehen.

Rubosch begriff nun – die Fesseln an Arm. Und Fußgelenken waren deutlich: er war ein Gefangener.
„Sie sind die bösen Buschleute, stimmts?“ sprach er den Mann mit der Maske an. Dieser grinste, was Rubosch wegen der Maske nicht erkennen konnte. Da aber die Fratze auf der Maske hämisch grinste, konnte er es sich vorstellen.
„Ja, das ist wahr.“ Bestätigte der Maskenträger. „Nur, dass „böse“ in unserer Sprache „gut“ und umgekehrt bedeutet.“
Rubosch dachte mit. „Also „böse“ heißt „gut“ und „gut“ „böse“.“
„Nein, böse heißt „gut und umgekehrt“!“

Der Maskenträger löste mit einer schnelle Handbewegung die Fesseln, die Rubosch banden. „Sie werden sehen, unsere Sprache ist etwas eigentümlich, aber leicht zu lernen.“ Er wechselte das Thema. „Wie finden Sie unsere hochmoderne Weckmaschine?“ und er deutet auf die Bambusvorrichtung. Entgegen seiner ersten Eindrücke wurde Rubosch von den bösen Buschleuten nicht wie ein Gefangener behandelt. Er durfte sich frei in ihrem Dorf bewegen. Dieser Ort war jedoch hoch in den Baumwipfeln des Urwaldes gebaut und über seine Grenzen hinaus konnte sich Rubosch wiederum nicht bewegen. „also doch ein Gefangener.“ Bemerkte er.

39

Rubosch befand sich in einem scheinbar endlosen schwarzen Raum. Nichts war zu sehen. Offensichtlich befand er sich in einem schwerelosen Zustand, denn mal konnte er kopfunter schweben und dann wieder kopfüber gleiten. Erst fürchtete er sich, weil er dieses Gefühl nicht kannte. Nach ein paar Schwimmbewegungen und –übungen empfand er jedoch auch ein gewisses Kitzeln im Bauch, das ihn an Schaukeln in der Kindheit erinnerte. Er wunderte sich über diesen Zustand, der über alles hinaus ging, was er bisher in Übersee erlebt hatte.
Er fragte sich, wie er an einen solchen Ort gelangen konnte, denn das letzte, was er wusste, war, dass er beim Absichern der Nachhut nur zwei Schritte zu weit vom Weg gedappt war und gestürzt ist. Der Rest war Schwärze. Er versuchte auch noch, seinen Kameraden zuzurufen, doch da ertönten seine Schreie auch in eigenartigem Hall.

Der scheinbar endlose schwarze Raum schien Licht nicht zu reflektieren, dafür aber den Schall zurückzuwerfen. Außerdem war es kalt. Nicht so wie im Winter, wo man im Schnee friert, obwohl man drei Pullis trug. Die Kälte an diesem Ort hatte etwas beklemmendes. Eine Art Einsamkeit spielte mit. „Wahrscheinlich, weil niemand da ist außer mir.“ redete er sich laut ein, auch um den Hall zu überprüfen. Als ob er in einer großen Kathedrale eingesperrt war. Aber es war kein Gebäude, in dem er sich befand. Ein Blick nach oben zeigte einen offenen Sternenhimmel, aber nicht den, den er von zuhause her kannte. Sämtliche Sterne schienen auf ihn zuzurasen.
Erst zuckte Rubosch zusammen, denn es sah so aus, als ob die Sterne über ihm zusammen brechen würden. Doch das Phänomen hörte nicht auf. Keiner der rasenden Sterne traf auf ihn ein, erreichte ihn nicht. Es war ein Geschwindigkeitssyndrom ohne Anfang und Ende.

Als alter Hobbymathematiker versuchte er Flugbahnen und Einschlagswinkel zu errechnen. Doch das schlug fehl. „Weil ich die Massegrößen nicht kenn.“ Wie er sich selbst verriet.
Als sich nichts an seinem Zustand änderte setzte er sich erst mal. Worauf konnte er nicht erkennen. Rubosch fühlte sich – von den Eindrücken der Sterne, die sich als Striche abzeichneten – wie im Mittelpunkt des Universums. Als ob er sämtliche Himmelskörper anziehe. Das konnte natürlich nicht sein – er war ja nur ein Mensch, dessen Masse nichts der Masse der Sterne entgegen setzen konnte. Schuld musste der Ort sein, an dem er sich befand. Und er war nur Beobachter. Ein Blick auf seine teure Taschenuhr zeigte ihm eine weiter Instabilität: Die Zeit verging langsamer. Der Sekundenzeiger raste zwar ums Zifferblatt, aber Minuten und Stunden schienen nicht zu vergehen, die entsprechenden Zeiger bewegten sich gar nicht. Dafür sein Bartwuchs. In den letzten Minuten – seit dieses Kapitel begonnen hatte spross sein Bart mit extremer Geschwindigkeit. Und ehe er es sich versah, hatte er schon wieder Geburtstag.
„Aber wen hätte ich auf die Schnelle einladen sollen? Geschweige denn die Vorbereitungen für die Feierei?“

Und während er noch grübelte wurde er ein weiteres Jahr älter.
Kein Zweifel, er befand sich in einer Singularität. Etwas, was noch keinem Menschen vor ihm geschehen war. Das war natürlich etwas besonderes. Aber mit wem sollte er dies teilen? Sein Freund Schalk war nicht anwesend. Mit wem hätte er dies teilen können?

Einen Versuch machend warf Rubosch einen Stein, der da eben so lag in die Luft. Der kam nicht zurück. Im Gegenteil. Gegenstände, die fortgeschleudert wurden müsste für den Betrachter zunehmend kleiner werden. Dieser wurde größer. Irgendwann, etwa auf Höhe der ersten heranrauschenden Sterne kehrte seine Flugrichtung um. Der Stein wurde immer schneller und Rubosch musste springen, damit ihn das Geschoss nicht traf. Des weiteren trafen die ersten Sterne ebenfalls neben ihm ein, sie verschwanden, gingen – wie der Stein – in der Schwärze, die Rubosch umgab ein, lösten sich auf, oder – das war wahrscheinlicher – vereinigten sich mit dem Ort, an dem er sich befand. Dieser wurde größer. Jedenfalls empfand Rubosch es so. Und da die Zeit ebenso raste, wie sich nicht bewegte war es eigentlich klar. Er befand sich direkt in einem Schwarzen Loch, genauso, wie es die Wissenschaftler immer beschrieben hatten.

38

„So habe ich es dann auch wieder nicht gemeint!“
Schalk fror und war müde. Außerdem war er in der Dunkelheit in eine knöcheltiefe Pfütze getreten und nun war sein linker Schuh und Socken pitschnass. Er hatte Schwierigkeiten, dem Anschluss zu behalten, vermutlich, weil er am Tag so geschwind marschiert war.

Der Entschluss des Kapitäns, sofort und in der Nacht die Spur aufzunehmen konnte und wollte Schalk nicht gut heißen.
„Nachts durch den Wald laufen ist sehr gefährlich.“ Wiederholte er andauernd. „Da gibt es noch wildere Tiere, die noch nie jemand zuvor gesehen hat, eben weil sie nur in der Dunkelheit aktiv sind.“

Bestätigend hörten wir eine Mischung aus Grunzen und Heulen, das niemand zuordnen konnte.
Schalk war verständlicher Weise ein bisschen eingeschnappt, wie er mir leise eingestand.
„Als ich schnell los wollte, wurde ich ignoriert. Und nun hört alles auf das Kommando vom Kapitän.“
„Alles hört auf mein Kommando!“ feuerte der Seemann uns von ganz vorne an.

Als klar war, in welche Richtung die Spur führte hielt den alten Mann nichts mehr im Lager. Er befahl den sofortigen Aufbruch und entließ sogar das Waldschwein, das seine Dienste abgeleistet hatte.
Der Kapitän war wahrscheinlich wieder der alte Seebär, wie wir ihn kannten. Der Urlaub war für ihn vorbei, nun gab es wieder etwas, wofür es sich zu kämpfen lohnte.

Schalk hatte ein wenig gemault. Immerhin war diese Expedition von ihm ins Leben gerufen und geplant. Aber der Kapitän hatte nun mal als ranghöchster und dienstältester Offizier das Kommando übernommen. Und er legt eine Tempo vor, das uns wirklich einiges abverlangte. Schalk keuchte, stolperte über eine Wurzel, die bestimmt mit Absicht vor Schalks Füssen gewachsen war, und wünschte sich insgeheim wieder nach Hause.
Einzig die Tatsache, dass es hier um seinen Freund Rubosch ging, motivierte ihn zum Weitergehen.

„Sie müssten doch eigentlich zufrieden sein. Endlich geschieht etwas.“ Meinte Scholz, der nun hinterher lief, um ihn auffangen zu können, falls er wieder stolperte. Schalk gab ihm schon recht. „Wie aber will man bei Dunkelheit inmitten von Gestrüpp einer Spur folgen?“
Das war ihm ein Rätsel, das konnte er nicht nachvollziehen.

Da ertönte von der Spitze der Expedition, die wie immer hintereinander lief das besserwissende „Aha!“ des Kapitäns. Im Schein seiner Funzel konnte man erkenn, wie der Kapitän einen weiteren abgeknickten Ast betrachtete.
Er beriet sich mit dem Buschmann und sie waren sich einig, dass Ruboschs Entführer einen Richtungswechsel vorgenommen hatten. Nicht mehr Süd-Süd-West, sondern Süd-West-West.

„Als ob das einen großen Unterschied macht.“ Jammerte Schalk, der dem Kapitän diesen Erfolg nicht gönnte.

Scholz war irritiert: „Sagen Sie, Herr Kapitän, wie ist Ihnen denn dieser weitere Ast aufgefallen – unter zehntausend anderen in der Dunkelheit?“
Der Kapitän warf einen kurzen Blick zu Schalk und vergewisserte sich, dass dieser damit beschäftigt war, seinen nassen Strumpf gegen einen trockenen aus seinem Gepäck zu wechseln.
„Es ist gar kein neuer Ast, sondern der alte. Nun ja, wie sollte ich sonst meinen anfänglichen Fehler korrigieren, es war nicht Süd-Süd-West, sondern Süd-West-West.“
Der Kapitän begann, weiter zu marschieren und ergänzte nur für Scholz hörbar: „War auch eine blöde Idee, nachts zu marschieren. Aber wie steht ein Seemann da, der alle paar Minuten seine Meinung ändert?“

Und so liefen wir weiter durch die Dunkelheit. Inzwischen war jeder von uns mal in eine Pfütze getreten, jeder war müde und schimpfte innerlich auf den tyrannischen Kapitän.
Als auch der dann in seine Pfütze trat und schlimm hinfiel, ließ er auch seinen geknickten Ast fallen. Er fluchte. War dieser doch die einzige Spur. Er beleuchtete die Stelle, an der das Holz auf den Boden gefallen sein musste, doch da lagen hunderte Stöckchen, alle geknickt, aber alle mit Moosbewuchs, der verschiedene Himmelsrichtungen aufzeigte.

„Und was machen wir dann jetzt?“ fing Schalk wieder an zu jammern. Der Kapitän brummelte. „Wir schlagen unser Lager auf, was denn sonst?“ „Und Rubosch?“ Der Kapitän winkte ab. „Ach der! Der ist doch egal.“ Und zu Schalks Entsetzen fügte er hinzu: „Und wahrscheinlich schon längst tot.“

37

In der folgenden Nacht ereigneten sich wieder keine besonderen Vorfälle. Mit der Ausnahme, dass der Basskolibri sich wieder meldete. Sein Klagen und Jammern war so erbärmlich, dass es Schalk schon wieder leid tat. Fast wäre er wieder vor das Zelt getreten, um dem armen Tier zu helfen, doch da erinnerte er sich wieder an seinen schweren Kopf am vorangegangenen Tag.

Ausgeruht und ausgeschlafen machten sich die Expeditionsteilnehmer am nächsten Morgen auf den Weg. „Die übriggebliebenen Expeditionsteilnehmer!“ korrigierte Schalk. Denn er wollte für alle noch einmal unmissverständlich klarmachen, dass es nun in erster Linie um die Eile ginge, Rubosch aus den Klauen der bösen Buschleute zu befreien.

So marschierten wir los. Doch Schalk war ungeduldig. „Den gestrigen Tag vertrödelten wir mit der Relativitätstheorie des Kapitäns.“ Beschwerte er sich bei mir. „Wir hätten viel schneller handeln müssen. Dachte ich doch eigentlich, der Kapitän sei ein Mann der Tat.“
Nachdenklich betrachtete er den schlafenden Kapitän auf seinem Waldschwein, welches heute besonders langsam hinter uns hertrottete.

Auch Scholz schien nicht besonders in Hetze zu sein. Der sah sich schlendernd links und rechts von unserer Schneise die Pflanzen an und blieb gerne mal stehen, um ein Insekt genauer zu betrachten, oder um zu warten, bis das Waldschwein zu uns aufgeschlossen war.
Einmal fing er sogar an, mit dem Schwein Holdasstöckchen zu spielen.

Da platzte Schalk der Kragen. Was wir uns eigentlich dachten. Rubosch benötigte unsere Hilfe wie kein anderer und wir spielten Urlaub.
Als niemand so recht auf die Schelte reagieren wollte zog er sich sein Schmetterlingsnetz zurecht und begann, strammen Marsches sein Ziel zu verfolgen.

Rasch hatte er uns abgehängt und erreichte sehr bald unser eigentliches Nachtlager, dass der Buschmann vor Ruboschs Verschwinden errichtet hatte.
Der Buschmann wartete schon den halben Tag. „Weil diese Etappe ja schon längst stand und ich keine Schneise in den Busch schlagen musste. Nur ein paar Stellen waren schon wieder zugewachsen.“

Es bot sich ein trauriger Anblick. Das Lager war verwüstet. Das Zelt lag in kleine Schnipsel gerissen auf dem Boden verteilt herum. Die liebevoll arrangierte Feuerstelle war zertreten und sogar die kühlende Sandgrube, in der sich das Waldschwein gerne ausruhte war wieder aufgefühlt worden.
„Sie haben uns letzte Nacht hier aufgelauert.“ Kombinierte der Buschmann. „Und als wir nicht eintrafen zerstörten sie einfach aus Lust und Laune.“
„Meinen Sie, sie hätten uns auch gefangen genommen?“ fragte Schalk erschrocken.
„Natürlich. Wir bewegen uns auf dem Territorium der bösen Buschleute. Das ärgert die zwar nicht richtig, ist aber willkommener Anlass für sie, sich kriegerisch zu benehmen.“

Als wir anderen im Lager eintrafen, hatten der Buschmann und Schalk wieder alles gerichtet.

Schalk war auch nicht mehr verstimmt. Ihm war viel zu gruselig zumute ob der Geschichten über böse Buschleute, die ihm der Buschmann beim Warten erzählt hatte.

Als sich das Waldschwein seine wohlverdiente Pause in der kühlen Grube genehmigte streckte sich der Kapitän ausführlich, zückte seine Schmauchepfeife, stopfte sie und hatte offensichtlich etwas wichtiges zu sagen. Schalk ging nicht auf das Gehabe ein und schmollte ein wenig.
Wir anderen waren gespannt und erduldeten die rhetorische und stumme Einleitung des Kapitäns.
Schließlich rückte er damit heraus: „Ich habe eine Spur gefunden.“
„Wie das denn?“ rief Schalk sarkastisch. Der hatte sich beim Schmollen einen Stock gegriffen, hieb damit ein wenig auf das Unterholz ein und hatte sich einige Meter vom Lager entfernt. „Sie haben doch die ganze Zeit geschlafen.“
Der Kapitän ließ sich mit seiner Antwort viel Zeit und wir befürchteten, er sei wieder eingenickt. Aber er grinste. „Gut, ich habe die Spur finden lassen. Vom Waldschwein.“
Er hielt einen angeknickten Ast in die Höhe. „Aber ich war es, der sie als Spur identifizierte.“
Der Ast war – wie gesagt – an einer Stelle eingeknickt. „Da Holz immer an der Seite, an der ständig Wind weht von Moos bewachsen ist, kann man die Himmelsrichtung feststellen, in welche der Ast umgeknickt wurde.“
Der Kapitän kniff konzentriert die Augen zusammen und studierte den Ast. „Und die ist Süd-West.“

Der Buschmann ließ sich den Stock geben und nickte. „Genauer gesagt Süd-Süd-West.“ Und er schaute sich um und zeigte in die entsprechende Richtung. „Wir müssen dort entlang.“

36

„Das Geräusch, das Sie letzte Nacht gehört haben, Schalk,“ nuschelte der Kapitän in seiner täglichen Morgenmuffeligkeit am neuangefachten Lagerfeuer, „War der Klageschrei eines Bass-Kolibris, der eigentlich viel weiter nördlich angesiedelt ist. Erst plötzlich merkt er, dass er weit weg von zuhause ist und fängt an zu heulen.“
Schalk war beruhigt. Es lag allerdings auch an Ruboschs Portwein, weshalb er nicht sehr lebhaft wirkte.
„Ein weiterer Grund, weshalb ich nicht viel sprechen möchte ist, dass Rubosch fehlt.“

Verlegen blickten alle Expeditionsteilnehmer in verschiedene Richtungen. Schalk trauerte weiter. „Was, wenn ein riesiger Tintenfisch Rubosch gekrallt hat, und ihn erst wieder hergibt, wenn wir ein Lösegeld von zwanzigtausend Tonnen erste Klasse Plankton zahlen?“
Da nickte der Kapitän, der sehr viel von den Bewohnern wusste. „Diese Viecher sind schon in der Lage, solch eine Forderung abzugeben.“ Er begann, sich eine Pfeife zu stopfen. „Allerdings kann ich mir nicht vorstellen, dass Tintenfische sich ans Festland wagen. Sie sind Meerestiere und haben gar keinen Pass.“
Indem sich der Kapitän mit zwei Hölzchen ein Feuer machte, brachte er seine Pfeife zum Schmauchen.

Nach einer Sprechpause fuhr der Kapitän jedoch fort diverse Schauermärchen zum Besten zu geben.

Alle blickten wir zu Boden. Ruboschs Verlust tat uns allen zu sehr weh und der Kaffee hatte noch nicht fertig gekocht. Wir mussten etwas tun, um Rubosch zu befreien. „Kann man ihn überhaupt befreien?“ fragte Scholz. Der Buschmann nickte. „Wenn er – wie ich glaube – von Angehörigen der bösen Buschvölker in die Falle gelockt wurde und anschließend entführt wurde, dann ist es in der Tat möglich, den Ärmsten zu befreien.“ Der Buschmann blickte uns alle an und verkündete geheimnisvoll etwas, was noch nie jemals ein Nichtbuschvolkangehöriger gehört hat. „Es gibt einen Zauberspruch, den nur der jeweils älteste Medizinmann eines Stammes aussprechen kann.“
Schalk warf ein: „Weil dieser reif genug für einen derartigen Zauber ist!“ „Nein.“ entgegnete der Buschmann, „Weil ihm sein Gebiss herausgefallen ist.“
Wir lachten alle. Aber es war uns eigentlich gar nicht zu lachen zumute.
Da stand der Kapitän auf. Weil er wisse, was in solchen Fällen zu tun ist – instinktiv, schließlich sei er ein Seemann – bestimme er nun die weitere Vorgehensweise. „Wenn dieser Rubosch in ein Loch gefallen und verschwunden ist,“ er zeigte auf die Fallgrube, neben der wir unser Nachtlager aufgeschlagen hatten, „dann wird er auch eines Tages wieder auftauchen.“
Das verstanden wir nicht. Und so erklärte uns der Kapitän seine Version der Relativitätstheorie, deren Vorbereitung schon eine halbe Stunde dauerte. Und so wurde es Mittag, bis wir die Grundzüge seines Plans, Rubosch wieder zurück zu bekommen in seinen Grundzügen begriffen.
Die vor uns liegende Falle sei ja schließlich nichts weiteres als ein schwarzes Loch. „Gewiss,“ lenkte der Kapitän ein, „man muss bei der Mittagssonne ein wenig die Augen zukneifen.“ Wir kniffen die Augen zusammen. „Aber eine Sonne“, fuhr der Kapitän fort, „ist auch nur ein Himmelskörper. Uns mit diesen habe ich bekanntlich sehr viel zu tun. Immerhin muss ich navigieren.“ Der Kapitän sah uns alle an und fügte hinzu: „Auf See.“

Wir nickten. Schalk sah mich an. „Es klingt ganz plausibel. Aber ich habe nicht verstanden, was er eigentlich vorhat.“
Verstanden hatte ich es auch nicht. Aber was macht das, angesichts dieser bewegenden Worte dieses verwegenen Mannes?

Der Kapitän kam zum Kern seiner Aussage. Laut seiner Relativität konnte ein Objekt nur begrenzte Zeit in einem Schwarzen Loch verharren. Irgendwann seien die kosmischen Schwingungen so laut, dass es zurückkehre.
„Rubosch ist zwar kein Objekt, aber ansonsten ist das plausibel.“ Überlegte nun Scholz. „Ich finde jedoch, dass wir versuchen sollten, eine Spur zu finden, der wir folgen können. Gewiss befindet sich Rubosch in einem Lager von bösen Buschleuten.“
Der Buschmann, der von Physik wenig Ahnung hatte stimmte ein. „Böse Buschleute pflegen ihre Gefangenen noch ein wenig zu quälen, bevor sie sie aufessen. Wir haben also nicht mehr viel Zeit.“

Gegen Abend hatten wir den Kapitän überzeugt, dass Handeln statt Abwarten der richtige Weg sei. Weil die Dämmerung schon einsetzte, beschlossen wir, einfach eine weitere Nacht an Ort und Stelle zu verbringen.

35

In der Nacht wachte Schalk während seiner Nachtwache erschrocken auf. Er hatte ein Geräusch gehört, das er nicht einordnen konnte. Nervös griff er zu seinem Schmetterlingsnetz und bedauerte, dass es nicht Ruboschs Schrotflinte war.
Die anderen wollte er nicht wecken. Es hätte ja sein können, dass es sich beim Verursacher des unbekannten Geräusches um einen Bass-Kolibri oder einen ähnlichen Urwaldbewohner handelte. Und dann wäre ihm die Unwissenheit peinlich gewesen.

Schalk also mit dem Netz im Anschlag aus dem Zelt raus. Blitzschnell visierte er mögliche Ziele in allen Richtungen an. Konnte aber in der nächtlichen Schwärze des Urwalds keines ausmachen.
Immerhin konnte er erkennen, dass nichts feindliches um die verlischende Glut des Lagerfeuers herum saß.
Nur der alte Kapitän, eingehüllt in seine Decke und nachdenklich in die Glut blickend.

„Herr Kapitän!“ Schalk nahm das Schmetterlingsnetz unauffällig herunter und trat an die Feuerstelle. „Sie schlafen nicht?“ Der Kapitän nickte. „Bin nicht müde.“ Flüsterte er müde. Schalk setzte sich. Aber seit ihrem Waldschwein schlafen sie doch ständig.“
Müde sah der alte Mann den jüngeren an. „Sie haben recht.“ Nickte er, „ich bin in Wahrheit hundemüde.“

Schalk wartete, bis der Kapitän weitersprach. Das dauerte. Scheinbar war der Seefahrer wirklich sehr unausgeschlafen. Als Schalk schon begann, mit einem Stock in der Glut des Lagerfeuers herumzustochern sprach er weiter: „Mir macht der Vorfall mit Rubosch zu schaffen.“
Der Kapitän seufzte.
Schalk nickte mitfühlend. „Ja, er war ein guter Freund.“
„Nein nein! Dieser Rubosch ist mir ganz egal. Mich ärgert nur, dass es während einer von mir befehligten Expedition geschehen ist.“
Finster blickte der Kapitän Schalk an. „Als ich noch jung war sind Leute von mir abhanden gekommen, wenn ich es so wollte.“ Er verschränkte die Arme vor der Brust.
Schalk beschwichtigte. „Aber vielleicht haben Sie es ja gewollt. Deshalb ihre große Müdigkeit.“
“Wieso sollte ich das gewollt haben? Immerhin war mein Rubosch derjenige, der stets an den Portwein dachte.“ Und lachend zog der Kapitän eine Flasche Portwein aus seinem Mantel, die er erst kürzlich Rubosch stibitzt haben mochte.

Es wurde noch ein lustiger Abend.

34

Unser neuer Freund der Buschmann erwies sich als sehr nützlich. Auch er ging schon vorm Morgengrauen voraus und haute uns einen Weg durch das Dickicht, so dass wir nur noch der Schneise folgen mussten. So sparten wir viel Zeit und wenn die Dämmerung kam trafen wir am vorbereiteten Nachtlager ein. Auch beim Zeltaufbau und Feuerholzsammeln packte er eifrig an. Wir hatten fast gar nichts mehr zu tun ausser marschieren und abends den spannenden Geschichten aus dem Busch zuzuhören.
Der Buschmann wusste einiges über seine Heimat zu berichten. Und er erzählte von Schlingpflanzen, Elefantenfriedhöfen und von bösen Buschleuten.
„Aber Sie sind doch auch ein Buschmann.“ schreckte Rubosch auf.
„Es gibt gute Buschvölker und böse Buschvölker. Die Bösen schneiden einem den Kopf ab und essen ihn dann.“
Rubosch stockte der Atem. „Und der Rest?“
„Den lassen sie einfach liegen.“ Und weil Rubosch so schön schauderte fügte der Buschmann noch ein „Buh“ dazu, woraufhin Rubosch zusammenzuckte.
„Und was machen die guten Buschvölker?“ wollte Schalk wissen.
„Die guten Buschvölker denken immer erst nach, bevor sie etwas tun. Dann teilen sie die Aufgaben untereinander auf. Wenn sie damit fertig sind, sammeln sie Beeren und essen sie gemeinsam.“ referierte der Buschmann.
„Ist es nicht auch so, dass sich die Buschvölker untereinander bekriegen und hassen?“ warf Scholz ein.
„Ja, dabei geht es darum, wem das Morgenrot gehört. Die beiden Kriegsparteien stellen sich im Abstand von hundert Metern gegenüber auf und brüllen sich mit ihren Speeren und Rüstungen schleudernd an.“

„Sehr interessant.“ Ruboschs Interesse für fremde Kulturen war wieder geweckt und er stellte dem Buschmann einige Fragen. Der Kernaspekt der Diskussion war - wie Schalk, Scholz und ich müde herausfanden - die grundliegenden Unterschiede zwischen unserer und der Buschländischen Kultur mit Augenmerk auf soziale Strukturen.
Als wir schon längst schliefen diskutierten der Buschmann und Rubosch noch bis in die Abendstunden.

So war Rubosch vorbereitet.

Am nächsten Tag - Rubosch übernahm die Nachhut mit dem Gewehr - folgten wir unserer Schneise, kurz bevor sie wieder zuwuchs. Rubosch scherzte noch darüber, wie schnell der Urwald wieder zuwucherte. Wir bemerkten erst sehr spät, dass etwas nicht stimmte. Rubosch musste in eine Falle getreten sein. Wir ohne es gemerkt zu haben liefen weiter. Als wir zurückrannten sahen wir nur noch ein leeres Loch. „Und Äste und Blätter zur Tarnung.“ entdeckte Schalk.
Der Kapitän wurde wachgerüttelt, doch der wusste auf die Schnelle auch keinen Rat. Wir beschlossen, unser Lager aufzuschlagen. Als der Abend herangebrochen war, traf der Buschmann auf unser Lager. Er hatte schon ein Lager vorbereitet und sich gesorgt, warum wir nicht nachkamen. Schalk und Scholz erklärten ihm die Situation.
„So fangen böse Buschmänner ihre Beute.“ sagte er nachdenklich. „Wir sollten heute Nacht doch wieder Wache halten.“

Wir teilten die Nachtschichten ein und legten uns gleich Schlafen. Aus Sorge um Rubosch konnte jedoch keiner von uns (außer dem Herrn Kapitän) ein Auge zumachen.

33

Als ich am folgenden Morgen erholt aufwachte und aus dem Zelt trat, war Rubosch nicht da.
Wir hatten ihn für die letzte Nachtwache eingeteilt und er hatte die letzten Stunden vorm Morgengrauen genutzt, unseren Weg mit dem Säbel schon einmal vorzubereiten.
Als wir mit dem Frühstück fertig waren, kam er die Schneise zurück gerannt und lud uns ein, dem Weg zu folgen.
Natürlich kamen wir schneller voran, aber Schalk beschwerte sich, dass wir von der geplanten Route abkamen.
„Ein paar Grad weicht Ihre Strecke von der vorher festgelegten ab.“ Schalk überlegte einen Moment. „Das bedeutet einen Umweg von zwei Stunden.“
Druch Ruboschs eifrige Vorbereitungen gewannen wir aber mindestens vier oder fünf Stunden, was Schalk auch einsah.

Der Kapitän sagte zu alledem nichts. Ihm war es gleich, wie schnell sie voran kamen. Überhaupt beteiligte er sich kaum noch an unseren Konversationen und schien in sich verschlossen stets auf seinem Waldschwein dahinzuschlummern. „Wir machen uns richtig Sorgen.“ erklärten mir Rubosch und Schalk. Als der Kapitän darauf angesprochen wurde, meinte dieser: „Sie können sich gar nicht vorstellen, wie müde Sie sind, wenn Sie Ihren Lebtag lang ununterbrochen auf hoher See reisen. Da sind Sie ständig auf der Hut und sind keine Sekunde lang unaufmerksam.“ Er streckte sich ausgiebig und seine weiteren Worte gingen im Genuschel des Gähnens unter. Als er bemerkte, dass wir nicht verstanden hatten, wiederholte er sie: „Selbst hier im Dschungel liess mich der Gefahreninstinkt nicht zur Ruhe kommen. Aber kaum hatte ich mich ein Sekündchen auf meinem Waldschwein ausgeruht, war es um die Wachsamkeit geschehen.“ Wieder gähnte er ausgiebig und im Nuscheln registrierten wir nur das Wort `Ferien´; da war er auch schon wieder eingeschlafen.

„Wenn er schon am Ausspannen ist, muss er es richtig tun.“ gab Schalk dem Kapitän recht. Und richtig Ausspannen sei nicht so einfach. Schalk wies uns beim Weiterlaufen in die genauen Ausspanntechniken ein. „Eine gute Pause erspart uns nämlich weitere zwei Stunden Fussmarsch, weil wir schneller laufen. Eine schlechte Pause macht nur noch müder.“

Wir folgten Ruboschs Schneise schon einige Stunden und langsam wurden wir alle misstrauisch.
„Rein theoretisch müssten wir die von mir vorgearbeitete Strecke schon hinter uns gelassen haben.“ dachte Rubosch laut. „Irgendwer muss die Arbeit fortgeführt haben.“
Wir erschauderten. Im Dschungel war es auch merkwürdig still. Keine Tiere waren zu sehen. Nur der auffällige Pfad, den jemand vor uns abgelaufen sein musste.

Rubosch griff nach seinem Gewehr. Wir rüttelten den Kapitän. Doch der war nicht wachzukriegen.
Schalk hörte ein Geräusch. Aus Angst hielt er sein Schmetterlingsnetz ähnlich wie Rubosch das Gewehr. Noch ein Geräusch. Wir hörten es alle. Wir duckten uns. Wir lauschten. Länger war kein Geräusch zu hören, hatten es fast vergessen, als es wieder zu hören war: „Das Umsäbeln von Buschwerk in einem Dschungel.“ Rubosch erkannte es als erster.

Scholz pierschte sich vorwärts. „Unsere unbekannte Person muss hier ganz in der Nähe sein.“
„Seien Sie leise“ riet Rubosch, der Scholz hinterher schleichend Deckung gab.

Wir anderen blieben ängstlich zurück und sahen die beiden um eine Biegung in der Schneise verschwinden. Schalk starrte mich aufgelöst an. „Was ist, wenn sie nicht wieder kommen? Rubosch hat das einzige Gewehr in unserer Gruppe.“
Wir versuchten sehr leise zu sein. Schalk musste dem Kapitän sogar den Mund zuhalten, der anfing zu sachnarrchen. „Wie kann man nur so schnarrchen?“ flüsterte er mir zu. Ich musste lachen. Immerhin war Schalk es, der Rubosch vor einiger Zeit mit Schnarrchen belästigt hatte.

Die Freunde liessen lange auf sich warten. Schalk ging bald in die Hocke. Setzte sich dann auf den Boden. Als das Warten nicht aufhörte legte er sich hin. Er versuchte sich wach zu halten. So viel Mühe er sich gab, er wurde immer mehr müde. Schliesslich bat er mich um Entschuldigung und beschloss, ein kleines Nickerchen zu halten. Er rückte seine Position zurecht und hatte gerade die Augen geschlossen, als ein Schuss fiel.
Blitzschnell waren wir hellwach.
„Das war Ruboschs Schrot!“ bestürzt sah Schalk in die Richtung, aus der der Schuss kam. Dann fiel noch einer und noch einer. Wir gingen jedesmal in Deckung und sogar der Kapitän wurde wach.
„Da muss ein erbitterter Kampf im Gange sein.“ hatte dieser die Lage sofort erkannt.

Wieder fiel ein Schuss. Jemand kam um die Biegung in der Schneise gelaufen. erst jetzt bemerkten wir, dass die Abenddämmerung eingesetzt hatte und wir Rubosch deshalb erst spät erkannten. Sein Gewehr hatte er nicht in der Hand.
Wir waren bestürzt. Doch Rubosch lachte nur. „Keine Bange.“ Mit einladender Geste bat er uns, ihm zu folgen.

Um die Lichtung gebogen sahen wir ein Lagerfeuer, an dem Scholz und noch jemand sassen. Die Person hatte das Gewehr in der Hand.

„Das ist ein echter Buschmann.“ stellte ihn Rubosch uns vor. Der Buschmann verneigte sich. „Guten Tag.“
„Er hat mich heute Morgen beim Umsäbeln der Schneise beobachtet und die Arbeit einfach fortgesetzt.“ erzählte Rubosch.
Scherzend ergänzte der Buschmann: „Zudem habe ich Ruboschs Arbeit ausgebessert.“ Er zwinkerte mit den Augen und wir lachten.
Der Buschmann hatte viel mehr Übung im sogenannten Buschschneiden und erhoffte sich einen Zulohn, wenn er uns durch den Dschungel führen konnte, erklärte Rubosch.
„Und die Schüsse?“ fragte Schalk.
Scholz legte die Hand auf die Schulter des Buschmanns. „Als wir ihn entdeckten begrüsste er uns selbstverdtändlich sehr freundlich. Er begegnet hier nicht vielen Menschen und ein Gewehr hatte er noch nie gesehen. Also durfte er Ruboschs Schiessgewehr ausprobieren.“
Untermalend schoss der Buschmann in die Luft.
„So beeindruckt wie es den Anschein macht, bin ich gar nicht.“ sagte er. Und wieder lachten wir.

In der darauffolgenden geselligen Abendrunde wetteiferten der Kapitän und der Buschmann im Geschichtenerzählen.
Auch Portwein sollte der Buschmann kosten, kannte er aber schon.

Rubosch bewunderte seinen schönen bunten Zopf. „Das hat bestimmt lange gedauert, den zu flechten.“
„Das mag sein.“ antwortete der Buschmann. „Ich habe ihn als Kind geflochten. Seit dem ist er wie er ist. Hier im Busch verwendet man keine Zeit auf die Haare. Hier lauert man auf mögliche Gefahren und schläft auf Bäumen.“
Rubosch lächelte. „Heute Nacht können Sie bei uns im Zelt übernachten.“

Es war zwar eng, aber durchaus interessant. Denn der Buschmann schlief im Stehen! Das Tat er immer, erklärte er, er war immer in Bereitschaft. Und das im Zelt, das einem stehend bis zur Hüfte ging. Da zog sogar der Kapitän bewundernd vorm Buschmann seinen Kapitänshut.

Eine Nachtwache stellten wir nicht auf, zumal es bis jetzt zu keinen Vorkommnissen während unserer Ruhezeit gekommen war. Ausserdem hatte der Regenwaldregen wieder eingesetzt und wir wollten es keinem von uns zumuten vor den Zelten aufzupassen.

32

Fortan bewegte sich der Kapitän nicht von seinem neuen Reittier herunter. Er beschloss, die schöne Natur nur noch zu geniessen, „anstatt mich durch sie hindurch zu schinden.“ Das Schwein selbst war unbekümmert, trug den alten Mann, der wahrlich nicht wenig wog und liess sich sogar lenken: „Ein sanfter Tritt in die linke Seite und es läuft nach links, ein etwas festerer Tritt in die Rechte und wir reiten nach rechts.“ erklärte der Kapitän.
Ob es auch rückwärts konnte, fragten wir ihn, während wir ihm durch das Dickicht folgten. Nein, rückwärts wäre auch nicht vonnöten, da man sich im Urwald stets vorwärts bewegen sollte.

Rubosch bekam den Piratensäbel ausgehändigt. Weil er den Umgang mit Waffen besser kannte, durfte er nun dir Vorhut übernehmen und musste uns die Büsche aus dem Weg schneiden.
Schalk war neidisch. Immerhin hatte er die Expedition geplant. Warum durfte er nicht vorweg gehen?
Aber Rubosch beruhigte ihn wieder. „Die Befehlshaber einer Expedition dürfen nie vorne laufen. Sie müssen geschützt in der Mitte laufen. Denn die unvorhersehbaren Überraschungen fallen immer über den Vordersten herein.“

So hatte Schalk Gelegenheit, den Kapitän wenigstens über die theoretischen Aspekte einer Schatzsuche auszufragen, wenngleich dieser auch vom Erfolg eines solchen Unternehmens gar nicht überzeugt war.

„Aber es gibt doch bevorzugte Stellen, an denen sich die Suche nach einer Truhe oder ähnlichem lohnen könnte.“ wies Schalk den Kapitän hin.
Dieser stopfte sich noch eine Pfeife. „Wenn Sie wollen, sagen ich Ihnen, wie ich als erfahrener Seemann vorgehen würde, wenn ich etwas hätte, was ich verstecken wollte.“ Er sah Schalk an. „Aber das sind uralte Weisheiten, die wohl bekannt sind.“
Schalk freute sich. „Genau das will ich doch wissen.“ Er machte eine ausholende Geste, die nicht nur ihre nähere Umgebung einschloss, sondern den gesamten Urwald meinte. „Dieser Wald ist so gross, da können einfach nicht alle Geheimnisse gelüftet sein. Alles was wir brauchen ist ein wenig Glück und ihre Inspiration.“
„Und mein Schiessgewehr!“ rief Rubosch, der stehengeblieben war. Er schob den Säbel in den Gürtel und nahm das Gewehr von der Schulter.

Vor uns stand ein Tier. Es musste ein seltenes fast ausgestorbenes Tier gewesen sein. Jedenfalls kannte es keiner von uns. So wussten wir auch nicht, ob es uns gut oder böse gesinnt war.
„So oder so!“ rief Rubosch kaltblütig. „Ich knall es ab.“

Das Tier stand ein paar Meter von uns auf dem Weg und rührte sich nicht. Seine dunklen Knopfaugen sahen treu zu uns herüber. Es hatte ein gelbes Fell, schwarze Tatzen und war nicht höher als einen halben Meter. Sein Schwanz begann zu wedeln.
„Sie können doch das arme Tier nicht abschiessen. Es hat doch noch gar nichts getan.“ sagte Scholz.
Rubosch liess das Tier nicht aus dem Visier. „Man weiss nie, als was sich die Wildnis letztlich entpuppt. Wenn Du nicht schnell bist kann´s um Dich geschehen sein.“ antwortete Rubosch.
„Neulich sagten Sie aber noch, dass Sie nicht auf Tiere schiessen, wenn sie nicht blutrünstig sind.“ argumentierte Scholz.

Rubosch sah in eine andere Richtung, um kurz nachzudenken, hielt aber die Flinte weiterhin auf das Tier gerichtet.
Der Kapitän wies Schalk jetzt an, mit dem Säbel einen anderen, einen Umweg über das Tier einzuschlagen, das sich ja doch nicht bewegte. Rubosch zielte wieder, jederzeit zum Schuss bereit, während wir anderen Schalks Umweg folgten. Rubosch kam als letztes, den Rücken freihaltend hinterher.

„Ich hätte auch nicht auf das Tier geschossen.“ resümierte Rubosch später. „Ich hatte vor, knapp daneben zu treffen, um das Tier zu verschrecken, wäre es wirklich zu einem Angriff gekommen.
Falsch wäre es gewesen, das Gewehr wieder runterzunehmen. Das hätte Einsicht und Schwäche deutlich gemacht. Und das nützt jedes Tier - ob gut oder böse - zu seinem Vorteil aus.“
Der Kapitän nickte. Auch wir anderen gaben Rubosch recht. So gut wir den Freund auch kannten, diese harte Seite hatten wir noch nicht erlebt. Dass Rubosch seine Ziele auch durchsetzen konnte liess ihn in einem anderen Licht dastehen.

31

Je länger wir durch den Dschungel wanderten, desto dichter wurde er. Fast unpassierbar war er, doch der Kapitän fand immer eine Lösung die noch so sperrigsten Hindernisse zu umgehen. Umgefallene Baumstümpfe und Gebiete mit Treibsand hätten uns anderen schon zum Umkehren gezwungen, da bastelte der Kapitän eine provisorische Leiter oder entdeckte ein ungefährlichen Pfad indem er sein Ohr lauschend an den Boden hielt.

„Doch das ist noch nicht alles!“ verkündete der Kapitän. „Wir sind noch nicht weit in den Dschungel vorgedrungen.“
Schalk verglich die Aussage mit seiner Landkarte. „Es stimmt.“ Er zeigte auf einen grossen grünen Fleck, der über zwei Drittel der Karte ausmachte. „Das ist das Dschungelgebiet. Und hier stehen wir im Moment.“ Er zeigte auf einen Punkt, der sich auf der schwarzen Randbegrenzung des Dschungelgebietes befand. Nachdem er sich kurz im Wald umblickte setzte er den Finger korrigierend auf einen Punkt, der einige Millimeter neben dem alten, aber immer noch auf der Randmarkierung lag. „Nein hier.“
Wir betrachteten die Karte voller Ehrfurcht. Schalk wies nun auf einen Bereich in der Mitte des Dschungels. „Und hier müssen wir hin.“
„Das kann ja Wochen dauern.“ schluckte Rubosch.

Der Kapitän wollte jetzt wissen, worin das Ziel der Expedition liege. Rubosch und Schalk erläuterten begeistert das Vorhaben, einen richtigen Schatz zu finden und ihn selbstverständlich mit allen zu teilen.
Der Kapitän lachte. „Meine lieben Freunde! Ich wusste ja nicht, dass Ihr es ernst meintet!“ Er setzte sich auf einen Baumstumpf, legt den Säbel in den Schoss. „In unseren heutigen Zeiten gibt es doch keine Schätze mehr! Sind alle schon gehoben. Richtige Ausgrabungsexpeditionen waren schon Jahre vor Euch da, die wussten genau um historische Standorte und Piratenwanderungen im Dschungel. Und alles haben sie dem Museum gespendet!“ Sein Lachen wurde lauter.
Dann zeigte er belehrend auf unsere Umgebung. „Der letzte Schatz, den es hier noch gibt, ist die Natur.“ Er atmete tief ein und nickte anerkennend. „Die gute Seeluft ist auch nicht besser.“ Auch wir anderen atmeten tief ein.

Rubosch und Schalk waren sehr enttäuscht. Wozu sollten sie diese Strapazen auf sich nehmen, die Gefahren fern von der Heimat, wenn am Schluss nichts dabei raussprang? „Ein Schatz wäre ja das mindeste.“ sagte Rubosch. „Wir haben uns doch schon so darauf gefreut.“
Der Kapitän kramte nach Tabak und liess sich nicht mehr aus der Ruhe bringen. „So ist die Welt, meine Herren. Je mehr Zeit insgesamt vergangen ist, desto mehr Menschen erreichen Eure Ziele vor Ihnen.“

„So schnell wollen wir doch nicht aufgeben, oder?“ bettelte Schalk Scholz und mich an. Wir hatten uns ebenfalls auf Baumstümpfe gesetzt. Die ernüchterne Wahrheit hatte uns arg zugesetzt. Und ohne richtige Motivation bemerkten wir, wie erschöpft wir waren.
„Etwas Gold werden sie uns schon dagelassen haben.“ vermutete Schalk.
„Und genug Edelsteine.“ warf Rubosch ein.
Sie malten sich aus, dass es genug sein würde, um auf dem Rückweg ein Taxi nehmen zu können. „Und höchstwahrscheinlich eine Flasche Portwein obendrauf.“ ergänzte Rubosch kalkulierend. Mit Portwein, dachte er sich, konnte man den Kapitän bestimmt dazu bringen, weiter zu laufen. Er wollte zum Kapitän sehen, um dessen Reaktion zu deuten, aber der war weg!

Erschrocken suchten wir in allen Blickrichtungen nach dem Kapitän. Wie konnte er unbemerkt von der Bildfläche verschwinden und warum hatte er nichts gesagt? Rubosch hielt das Gewehr im Anschlag, Scholz führte die Hände zum Mund, um seinen Ruf zu unterstützen: „Herr Kapitän! Wo sind Sie?“
Schalk hatte Spuren an der Stelle entdeckt, an der sich der alte Mann zuletzt befunden hatte. „Zwei ganz kleine Menschen mit nur vier Zehen an jedem Fuss müssen ihn davon getragen haben.“ erkannte er. „Und Durchfall haben sie auch.“

Wir folgten den Spuren einige Meter und fanden unseren Kapitän alsbald wieder. Der vermeindliche Baumstumpf, auf den er sich gesetzt hatte war in Wirklichkeit ein wildes Schwein, das den Waldboden nach Leckerein abgesucht hatte. „Als ich nicht wieder aufstand, lief es unbekümmert, mich Huckepack nehmend weiter.“ berichtete der Kapitän, sich seelenruhig immernoch die Pfeife stopfend.

30

Sie waren noch immer in ihr Gespräch versunken, als der Kapitän bemerkte, dass die Expeditionsteilnehmer ihre Marschreihenfolge nicht mehr einhielten.
Schalk hatte noch so viele Fragen, wurde aber auf seinen Platz weiter hinten verwiesen. Von dort sah er zu, wie Scholz nun der Gesprächspartner des Kapitäns war. Der kam erst jetzt richtig in Fahrt und erzählte für Schalk akkustisch kaum verstehbar die tollsten Abenteuer.

„Nehmen Sie´s sich nicht zu Herzen.“ riet Rubosch. „Ich habe das gefühl, manchmal übertreibt der Kapitän ein wenig. Schlimm ist das nicht. Im Gegenteil. Wir mögen es ja so spannend lieber.
Ausserdem wiederholt er jede dritte Geschichte und man weiss meistens schon, wie sie ausgeht.“
„Und er verknüpft die Elemente.“ analysierte Schalk jetzt mit. „Nach grossen Seeschlachten folgt meistens ein gefährlicher Sturm und bei Flaute lauert öfters ein unheimliches Seeungeheuer unter dem Schiff.“
Rubosch kicherte. „Alle Mann an Deck!“ brummelte er leise, den Kapitän nachahmend. Schalk schnappte sich lachend einen Stock vom Boden und schwang ihn synchron zum Säbelschlag des Kapitän, der weiter vorne das Buschwerk zu einer Schneise zerschnitt.

29

Rubosch war bei seiner Nachtwache eingeschlafen und hatte niemanden von der nächsten Schicht geweckt.
So waren wir bei Morgengrauen alle frisch und ausgeschlafen.
„Sogar einen Bach gibt es hier.“ freute sich Scholz und konnte sich waschen.
Er hatte in seinem Gepäck ein kleines Täschchen mit Rasierzeug, Waschlappen und Zahnbürste für unterwegs.
„Packen Sie das Täschchen aus, wenn Sie wieder zuhause sind?“ wollte Rubosch wissen.
Scholz spuckte Zahnpasta aus, bevor er antwortete. „Nein, ich lasse es mitsamt dem Rucksack und der Feldflasche stets bereit liegen. Man weiss nie, wann es losgeht, oder wann Krieg ausbricht. Ich möchte nicht überraschend aufbrechen müssen, ohne wengstens das Nötigste dabei zu haben.

Rubosch betrachtete nachdenklich die olivgrüne Feldflasche, die neben dem Täschchen mit derselben Farbe stand. Er hatte den Freund noch nie daraus trinken gesehen.
„Ich trinke doch nicht aus der Feldflasche!“ rief Scholz. „Das schmeckt viel zu abgestanden.“ Er gab sie Rubosch, der daran schnupperte.
„Ich habe sie mit dem Täschchen und dem Rucksack im Angebot gekauft.“ erklärte Scholz. „Zum Fortwerfen war sie mir zu schade. Wollen Sie sie haben?“
„Geschenkt?“ fragte Rubosch.
Scholz nickte. Eine Feldflasche war das mindeste, was man einem alten Freund schenken sollte.
„Hätte ich sie doch nur früher schon gehabt.“ ärgerte sich Rubsch ein wenig. „Dann hätte ich vielleicht weniger Sehnsucht nach Ihnen gehabt, Scholz, als Sie uns nach Übersee verliessen.“

Ein Schuss knallte. Die beiden schreckten auf. Auch Schalk und ich wurden beim Abbauen der Zelte überrascht.

Aus dem Dickicht stapfte mit festen Schritten der Kapitän. Einen Braten habe er für unsere Verpflegung schiessen wollen. „Aber diese Biester sind viel zu schnell für diesen alten Vorderlader hier. Da drückst Du ab und es dauert lang genug, bis der Knall kommt, da weiss der Braten schon, dass auf ihn geschossen wird und verschwindet.“
„Nichts gegen mein Schiessgewehr!“ beschwerte sich Rubosch. „Man muss nur damit umzugehen wissen!“
Er legte es an, zielte ein wenig in der Gegend herum, bis er einen bunten Vogel im Visier hatte, folgte seinem Flug und schoss daneben. Fein säuberlich abgetrennt flog stattdessen eine gelbe Blüte von einem der Büsche direkt vor dem Kapitän zu Füssen.
„Auf Tiere schiesse ich nicht.“ kommentierte Rubosch. „Es sei denn, sie sind blutrünstig.“

Als wir weitermarschierten begann Schalk ein Gespräch mit dem Kapitän. Über Piraten und vergrabene Schätze. Da wusste der Alte einiges zu erzählen und Schalk stellte wichtige Fragen.
„Schätze vergraben ist ja einfach. Aber einen Schatz finden. Das muss doch eine Herausforderung sein.“ sagte Schalk, um auf den für ihn interessantesten Punkt zu kommen.
Doch der Kapitän wusste es besser. „Sagen Sie das nicht. Die Piraten waren verwegen. So mancher Piratenkapitän nahm eine Hand voll Männer mit an Land und liess sie ein tiefes Loch graben. Meistens an einer Stelle, an der sich zwei Palmen auffällig kreuzen. Dann schoss oder stach er bis auf einen alle seiner Männer nieser. Der übriggebliebene musste das Grab alleine zuschauffeln. Sein Skelett blieb dann für alle Zeiten als Mahnmal vor den Palmen sitzen.
Der Piratenkapitän versteckte dann den Schatz an einem anderen unbekannten Ort.“
Schalk war beeindruckt. So schlimm hatte er sich die Piraten nie vorgestellt. „Aber eigentlich hatte ich auch nie weiter drüber nachgedacht. Als Landratte hört man selten Piratengeschichten.“

27

Als die Nacht herein brach, schlugen wir unser Lager auf. Rubosch war sehr aufgeregt. „Ein richtiges Nachtlager mit Wachablösung!“ Und er übernahm freiwillig die erste Schicht. „Da bin ich noch nicht so müde.“ Noch bevor die beiden Zelte aufgebaut waren sass er schon mit seinem Schiessgewehr im Ansachlag auf der Lauer.

„Aber Rubosch.“ erhob der Kapitän mahnend den Zeigefinger. „Bevor man ein Lager bewachen kann, muss es erst errichtet worden sein.“
Rubosch betrachtete prüfend den Boden des Lagers.
Der Kapitän zeigte in den Urwald. „Helfen Sie Schalk, das Feuerholz zu sammeln.“

Schalk schlug mit dem Piratensäbel auf einen grossen Baum ein. Die scharfe Klinge auf die Rinde schlagendend lächelte Schalk Rubosch an. „Vielleicht wissen Sie, wie das geht. So fest ich auch auf das Holz eindresche, nur die Rinde löst sich. Und das gutbrennende Holz dieses alten Baumes bleibt an einem Stück und wächst wohl bis in alle Ewigkeit weiter.“

Rubosch nickte. „Ja, Feuerholz beschaffen will gekonnt sein.“ Er nahm den Säbel und begann, mit aller auf den Baum einzudreschen. Er erklärte dem anderen, dass es auf den Einschlagswinkel ankam. Er musste doppelt so gross sein, wie die angewendete Kraft.
Rubosch konnte auch nur die Rinde abscharben und Schalk fing an, sich lustig zu machen. Rubosch wusste scheinbar auch nicht besser über Feuerholz bescheid und ob die Rinde nicht auch gut brannte. Rubosch setzte ein und behauptete, das Messer des Kapitäns sei stumpf. Sie prusteten vor Lachen.
„Die Klinge dieses eindruckvollen Säbels ist so stumpf,“ die Waffe hoch in die Luft haltend präsentierte Rubosch sie einem imaginären Publikum, „da ist sein Knauf ja viel schärfer!“ Er schlug mit dem Knauf gegen die Rinde und trennte ein grosses Stück ab. „Sehen Sie.“
Während Schalk sich vor Lachen den Bauch hielt, schlug Rubosch weiter zu. Plötzlich sprang der Knauf ab.
Rubosch und Schalk blieb das Lachen nun im Halse stecken. Nervös blickte Rubosch hinter zum Kapitän, der jedoch nichts mitbekommen hatte.
Schalk untersuchte den zu Boden gefallenen Knauf. „Da wird der Kapitän aber sehr böse auf Sie sein, weil Sie ihm seinen teuren Säbel kaputt gemacht haben.“
„Wieso?“ schimpfte Rubosch. „Er hat ihn doch Ihnen geliehen, nicht mir.“
Schalk wurde böse. „Sie haben ihn mir aus der Hand genommen!“

Während sie stritten rutschte aus dem knauflosen Säbel, welchen Rubosch noch immer verkehrt herum in der Hand hielt, ein gelb braunes Papierröllchen.

Rubosch und Schalk blickten sich an. Dann wieder den Zettel. Dann den Kapitän und schliesslich wieder sich.

In erhabener Vorahnung stürzten sie sich auf das Röllchen. „Das muss eine Schatzkarte sein“ schrie Rubosch.
Schalk erklärte: „Die braucht man, wenn man einen Schatz finden will.“ Er überlegte und beobachtete den alten Kapitän, der mit dem Aufbau des zweiten Zeltes beschäftigt war. „Sicher hat der Kapitän nichts von diesem Geheimplan gewusst. Er hätte uns doch schon längst davon erzählt.“

Rubosch hatte das Zettelchen entrollt und war enttäuscht. „Kein Schatzplan.“ meinte er. „Nur die Anleitung, wie man den Knauf wieder auf den Säbel schraubt, wenn er mal abgegangen ist.“ Er rollte das Papier wieder zusammen, steckte es zurück und schraubte den Knauf auf. „Ganz einfach. Sehen Sie?“ Er übergab den Säbel an Schalk.

Der machte sich an einem anderen Baum wieder an die Arbeit. „Weil der kleiner ist und keine Rinde hat.“ Er setzte den Säbel an und schlug zu. Tatsächlich war deutlich eine Kerbe zu sehen. Er setzte wieder an.
Da drang von den Zelten die laute Stimme des Kapitäns zu ihnen: „Halt! Dieser Baum steht unter Naturschutz! Können Sie nicht lesen?“

Einen halben Meter über Schalks Kopf hing ein grünes Schild am Baum.
„Naturschutz - Nicht berühren!“ las Rubosch laut vor.
Der Kapitän kam dazu gelaufen. „Naturschutz ist eine nützliche Sache. Stellen Sie sich vor, man dürfe hier in der Wildnis, wo noch nie ein Mensch zuvor hingekommen ist, einfach jedes seltene Pflänzchen abschlagen. Wie sähe es denn dann hier aus?“
Grinsend führte der Kapitän Rubosch und Schalk bei den Schultern zurück zur Lagerstelle. Dabei kamen sie am ersten Baum vorbei. Der alte Mann zeigte auf den Haufen mit der abgeschlagenen Rinde. „Aber da ist ja Feuerholz. Tragen Sie es schnell zum Lager. Rinde brennt gut und lang, wird aber auf dem Waldboden gelagert rasch feucht.“

Die Arme voller Rindestückchen betrachtete Schalk noch einmal das Schild auf dem Baum. „Aber wenn in die Wildnis noch nie ein Mensch hergekommen ist: Wer hat das Schild aufgehängt?“
„Seien Sie nicht enttäuscht.“ sagte der Kapitän, als er die Rindestückchen sorgfältig aufschichtete. „Gerade hier im Dschungel ist vieles nicht, was es zu sein scheint.“

Als das Feuer brannte und wir alle in einer Runde beisammen sassen erzählte der Kapitän von Pflanzen und Blumen, die die Gabe der Täuschung besassen und in Wirklichkeit gemeine Fleischfresser waren, die ein Haus aufessen konnten, wenn es nur aus Fleisch gewesen wäre.

26

Alles, was man sich von einem richtigen Dschungel erzählt entspricht der Wahrheit. Angefangen vom Regen, der schlagartig einsetzte sobald wir den Wald batraten, bis zu den Tieren und dem Gekreuch, das uns stets zu behindern versuchte und wer weiss was noch, wenn es ihnen nur gelungen wäre. Wir sahen auch die berühmten Mammutbäume, deren dichtes Blätterdach die Sicht zum Himmel gänzlich zudeckte. Das Blätterdach schützte uns zwar vorm Regen, doch bildete sich, wie Schalk erklärte unter den Blättern eine neue Regenschicht, die nun auf uns herunterregnete.

Den Piratensäbel wie ein Buschmesser benutzend ging der Kapitän voran. Wir im Gänsemarsch hinterher. Erst Scholz, dann Schalk, dann ich und zuletzt - das Schiessgewehr im Anschlag - Rubosch. „Ich werde die schützende Nachhut bilden.“ verkündete er. Schalk zeigte auf den Lauf der Waffe. „Passen Sie aber auf, dass Sie Ihre Mündung nicht nach oben in den Regen halten.“ „Keine Sorge. Ich kenn mich aus.“ beruhigte ihn Rubosch und schoss bestätigend in die Luft. Dutzende Kokosnüsse und Palmenblätter segelten zu Boden. Von oben fiel ein schillernder Sonnenstrahl auf das verregnete Buschwerk und ein Regenbogen entstand.

„Ruhe jetzt!“ befahl der Kapitän, der zurückgelaufen kam, weil wir alle den Regenbogen bewundernd stehen geblieben waren. „Im Dschungel bewegt man sich leise vorwärts. Das geringste Geräusch kann Schlangen und Rubkatzen anlocken.“

Schuldbewusst gingen Rubosch und Schalk schweigend weiter. Doch schon nach einer halben Stunde fingen sie wieder an, aus Langeweile zu gickeln und über die ausgefallene Flora des Dschungels zu staunen.

„Dies ist eine Buschstrauchranke.“ identifizierte Schalk ein besonders schönes Gewüchs. „Sie wird bis zu vierundreissig Meter hoch und bei einem Alter von sage und schreibe hundertfünfzig Jahren beginnt sie in bunten Farben zu leuchten.“
„Dann muss diese besonders jung sein.“ fand Rubosch. „Denn sie leuchtet überhaupt nicht, obwohl sie ziemlich hoch gewachsen zu sein scheint.“

Der Kapitän kam zornig wieder zurück. „So ein Unfug! Nicht nur, dass Sie sich meinen fachmännischen Anweisungen entziehen! Nun reden Sie auch noch Blödsinn!“ Er zeigte auf die Buschstrauchranke. „Dies ist eine gewöhnliche Liane!“
Verlegen betrachtete Schalk die Pflanze von allen Seiten. Rubosch kratzte sich am Kopf.

25

„Alle herhören! donnerte Schalk uns an. „Heute startet die gefährliche Expedition durch die Wildnis.“ Dabei schwang er sein Schmetterlingsnetz wie eine Fahne. „Wer mitkommen will, trägt sich auf dieser List ein.“
Ein Bogen Papier lag auf dem Tisch, ein Bleistift daneben.
„Aber Sie kennen uns doch! Weshalb müssen wir unsere Namen aufschreiben?“ fragte Rubosch.
„Das is so bei Expeditionen. Wie ich Euch alle schon darauf hingewiesen habe, werden uns allerlei Gefahren begegnen. Nicht jeder kommt bei einem solchen Unternehmen lebendig zurück.“

Sich weiter über alberne Formalitäten beschwerend setzte Rubosch zwei Kreuze auf die Liste. Er reichte mir den Stift und auch ich unterschrieb.
Zufrieden wandte sich Schalk zum Aufbrechen, als Scholz, der länger gezögert hatte schliesslich doch zum Tisch sprang, aber den Stift aber nicht gut erwischte. Dieser fiel zu Boden. Schnell hob Scholz ihn auf und unterschrieb.
„Da sind wir ja komplett.“ lächelte Schalk.
Rubosch schulterte sein Gewehr. In der Hand hielt er seinen Koffer und liess auch keine Diskussion aufkommen, ihn eventuell da zu lassen.

Wir verliessen das Haus. Vor uns stand der dichte Dschungel. Die Geräusche der Tier und Vögel waren übermässig laut und von fast beunruhigender Vielfalt. Wir hörten das Ächzen und Krächzen alter und morscher Bäume, die vom Zahn der Zeit angesägt einfach umfielen. Trotzwohl es sehr viele waren, sahen wir keinen einzigen umstürzen. Es waren dennoch viele. „Übertrieben viele.“ kommentierte Rubosch verängstigt.

„Halt!“ Der Bass des Kapitäns hielt uns zurück. „Ich komme mit.“
Verdutzt starrten wir ihn an.
Er schimpfte: „Haben Sie noch niemals einen Seemann auf Landausflug gesehen?“
Blitzschnell zog er einen Piratensäbel und köpfte drei Farnstängel, die neben ihm standen mit einem wuchtigen Hieb. „Ich habe schon so manche Expedition miterlebt.“
Er sah uns verheissungsvoll an. „Und überlebt!“

Rubosch und Schalk klatschten begeistert in die Hände. Das sei der Stamm von Männern von denen es nicht mehr viele gab und die auf einer Expedition unentbehrlich waren. Sie gratulierten dem Seemann für sein Überleben bei den unzähligen Gefahren, denen er stand gehalten haben musste. Immernoch verheissend grinste der alte Mann, schwieg aber geheimnisvoll.

Ich sah zur Hütte. Der gelehrte Professor trat heraus und winkte mit einem weissen Taschentuch, das er sich extra aus Scholz Wäscheschrank geholt hatte. „Ich komme nicht mit. Der Dschungel mit seinem feuchten Klima ist nichts für mich.“
Als er uns zum Abschied umarmte, steckte er einen kleinen Gegenstand in Scholz´ Jackentasche, ohne dass er oder einer von es uns bemerkte.
Herzlichst verabschiedeten wir den Freund und versprachen bald wieder zu kommen. „Und einen Schatz mitzubringen.“ lachte Schalk ihm zu.
Rubosch dachte kurz daran, ihm sein Schiessgewehr als Andenken dazulassen. Um aus Langeweile damit rumballern zu können. „Aber ich brauche es bestimmt selbst. Gefährliche Tiger, die blutrünstig sind, Sie wissen schon.“

24

Am Abend wurde Schalk nachdenklich. „Ich bekam den Ball wirklich nicht zu fassen.“
„Ein Ball ist nur ein Ball.“ erwiderte der kapitän. „Wieviele Menschen meinen Sie, haben noch nie einen Ball zu fassen gekriegt? Es sind milliarden. Das kann ich Ihnen sagen.“ Pfeife schmauchend zwinkerte er uns zu. „Auf hoher See haben wir immer einen Satz Medizinbälle dabei.“

„Herr Kapitän haben wirklich Humor.“ sagte Rubosch würdevoll.

Scholz sprach einen Trinkspruch aus, der Kapitän übersetzte diesen in die Seemannssprache, wir lachten.

„Was ist los mit Ihnen Schalk?“ fragte Scholz, der sah, dass sich Schalk nicht so recht am Spass beteiligen mochte. Ob er beleidigt sei wegen des Spieles wollte Rubosch wissen.

Schalk stand auf, lief zum Fenster, was in der kleinen Hütte nicht sehr weit war.
Dann brach er los. Ob Scholz sich mit dieser Situation abgefunden habe, hier Erholung feiere. Und was wir uns einbildeten, kostbarste Zeit mit Spielen und Geschwätz zu vergeuden. Schalk war überraschend streng und ungehalten.
„Immer nur Worte, die sich darum drehen, dass sie sich drehen. Doch sie drehen sich nur darum, dass sie sich drehen, und drehen sich nicht wirklich.“

Rubosch hob alamiert die Hand, gebot Einhalt und zählte Schalks letzten Satz noch einmal mit der anderen Hand durch. Dann immernoch die Hand erhoben: „Das verstehe ich nicht.“

Doch Schalk brauste weiter. Er habe geglaubt, und so habe es ja auch den Anschein gehabt, dass Scholz wie ein Pionier neue bahnbrechende Dinge bewegen würde. Stattdessen sei er in einem Schlaraffenland und liesse es sich gut gehen. „Und ein Gelehrter Professor, der Rätsel erzählt ist ja doch nur ein Alibi.“

Betretenes Schweigen. Keiner wagte es, Schalk noch mehr zu erzürnen. Bis der Kapitän als unparteiischer Beobachter vorschlug, das ganze doch bei einem Gläschchen auszusprechen. „Die Dinge beim Namen nennen, nennt man das bei den Seeleuten.“ und zwinkerte Rubosch zu. Der war verwirrt. „Aber so nennt man das doch auch an Land!“

Der Gelehrte fing nun ganz sanft an: „Herr Schalk, Sie missverstehen die Dinge. Was da wie unbeschwertes schönes Leben ausschaut, ist doch nur der Ausgangspunkt für die geistlichen Aspekte.“ Mit einer Geste zeigte er auf sich. „Oder dachten Sie, ich benähme mich zum Vergnügen so mystisch?“
Rubosch meldete sich. „Bedeutet das, dass Sie sich absichtlich lächerlich machen?“
„Ja, aber das hat berufliche Gründe.“ antwortete der Gelehrte.

„Wir besinnen uns hier auf andere Formen von Informationsaustausch.“ warf Scholz ein. „Ausdruck steckt in allen Dingen und die können Dinge erzählen, das glaubt man gar nicht.“

Schalk konnte ein aufbrausender Mensch sein. Energisch wollte er dann stets etwas erreichen, seine Mitmenschen aufscheuchen. Um ihn zu kennen muss man aber wissen, dass er seine Sticheleien gar nicht böse meinte. Hinterher war immer alles wieder gut.
So waren auch die Streiterein mit Scholz „dramaturgische Zwangsmassnahmen“, wie er das nannte.

„Natürlich haben die Leser mehr verdient als unsere gemütlichen Abende an Kaminfeuern.“
Ein Konflikt musste her und da waren wir uns eigentlich auch einig.

Trotzdem - und Schalk sah uns eindringlich an - sei seine Misstimmung begründet auf den schon dargelegten Umstand der Unzufriedenheit. „Wir sind doch nicht zum Ballspielen einen so weiten Weg gekommen.“ Er deutete mit den Fingern durch das Fenster.
Jetzt lag dahinter eine schwarze Leere. Doch tagsüber war das spriessende Blattwerk des gewaltigen Urwaldes zu sehen.

23

Auf einer Wiese brachte uns Scholz ein hiesiges Ballspiel bei. Dabei stellten wir uns alle in einer Reihe auf. Hinter unseren Rücken sollten wir den Ball entlang führen. Wer ihn fallen liess, schied aus.

Wir spielten einige vergnügte Stunden, bis Schalk sich beschwerte, wann der Ball endlich einmal ihn erreiche.
Er war der letzte in der Reihe. Scholz, der erste rief: „Aber ich habe ihn doch zu Beginn des Spieles hinter meinem Rücken weitergegeben. An den Herrn Gelehrten.“
Der beteuerte, ihn an Rubosch weitergegeben zu haben.
Nach Rubosch wäre ich, dann Schalk an der reihe gewesen. Schalk und ich hatten den Ball noch nicht bekommen, folglich befand er sich hinter Ruboschs Rücken.

Der errötete und gestand: „Ich habe das Leder nicht richtig zu fassen gekriegt und zu Boden purzeln lassen. Bis jetzt hatte ich mich noch nicht getraut, es zuzugeben.“
„Und wenn wir es nicht bemerkt hätten?“ fragte Schalk. „Wann hätten Sie´s gestanden?“
Rubosch dachte kurz nach. „Ich hätte es vermutlich nach fünf Minuten gesagt. Vielleicht hätte ich bis dahin einen gewissen Punktestand ausbauen können.“

Rubosch schied aus. Wir waren nur noch vier Spieler. Doch die Regeln besagten, dass fünf Spieler benötigt wurden.

Rubosch sass am Rande der Wiese und wartete gespannt darauf, wie wir uns entscheiden würden.
„Jedenfalls können wir nicht zu viert spielen.“ betonte Scholz. „Rubosch wieder mitspielen lassen wäre erst recht gegen die Regeln. Dann könnten wir gleich zu viert spielen.“

So wurde das Spiel mit Überlegen verzögert. Als die Sonne ihren Zenit schon lange überschritten hatte, kamen wir unter Druck. „Eine Runde müssten wir doch noch schaffen.“

Die Rettung kam kurz vor Sonnenuntergang: Der alte Kapitän schaute auf Landurlaub herein.
Schnell wurde die Runde durchgespielt.

Diesmal war es der Kapitän. Er hatte gar nicht erst versucht, den Ball in Empfang zu nehmen, wie er später erklärte. Ihm liege gar nichts daran, dieses Spiel zu gewinnen.

22

Die nächsten Tage waren eine wunderbare Zeit, Scholz führte uns herum und erklärte uns Namen und Gepflogenheiten von Übersee. „Nun begreifen wir endlich ihre Bedeutungen.“ bemerkte Rubosch richtig.

Auch den Gelehrten besuchten wir. Er lebt in einer richtigen Alchimistenküche mit Reagenzgläsern und Versuchsbehältern, in denen es brodelte und kochte. Bücher lagen verstaubt und aufgeschlagen herum, Utensilien und Instrumente von uns unbekannter Bedeutung und nicht zu erkennendem Zweck.

Der Gelehrte selbst, ein uralter Mann mit langen weissen Bart, der langsam und wohlüberlegt sprach.
„Was ist das wegen das nicht schläft?“ waren seine ersten Worte, die er an uns richtete.
Wir waren uns einer Antwort nicht sicher und drucksten rum.

„Was ist das, wegen das nicht schläft?“ wiederholte der Gelehrte mit gebieterischer Stimme.

„Er hat sich bestimmt in den Vokabeln geirrt.“ flüsterte uns Schalk zu. „Er wirft den Sinn der Worte durcheinander. Aber das ist bei älteren Menschen und noch dazu bei fremdländischen normal.“
„Verständlich, wenn man bedenkt, wieviele Worte das sein müssen, die er kennen muss.“ flüsterte Rubosch zurück.

Aber der alte Mann wiederholte die Frage ein drittes mal. Verlegen standen wir ihm gegenüber.
Er wandte sich zu Scholz: „Sind Deine Freunde zurückgeblieben?“
„Es ist ein Rätsel.“ gab uns Scholz einen Tip. „Ihr müsst die richtige Antwort geben, nur dann wird er Euren Intellekt akzeptieren.!“
„Ach so.“ machten Rubosch und Schalk und selbstsicher gaben wir jetzt die Antwort. „Müde.“ Wir nickten den Gelehrten einheitlich an.

Der nickte auch. Wir hatten die kleine Prüfung bestanden. Von nun an begleitete uns der alte Mann auf allen unseren Spaziergängen durch die Stadt. Er kam sogar mit zu Scholz´ Hütte und blieb tagelang vorm Kamin sitzen.

Rubosch fragte den Gelehrten immer wieder nach kulturellen Unterschieden zwischen Übersee und unserer Heimat. Sie diskutierten viel und angeregt.

21

Wir naschten Knabbereien und Scholz schenkte uns neuen Wein ein. Er rückte sich einen Stuhl zurecht. Der Lehnsessel blieb leer. Rubosch sah fragend zwischen Scholz und dem Sessel hin und her, während er sich drückend und quetschend ein wenig mehr Platz auf dem Sofa verschaffte. Als wir das ungeachtet liessen und uns wieder mit Scholz ins Gespräch vertieften drückte Rubosch seinen Oberschenkel gegen meinen und hatte nun sein Hinterteil halb auf dem Sofa.
Scholz redete und wir hörten gespannt zu. Rubosch tat so, als habe er es aufgegeben, eine bequemere Position zu bekommen und blickte Scholz aufmerksam an.

In einem unerwarteten Moment drückte er rasch sein gesamtes Gewicht in die enge Spalte zwischen Schalk und mir. Dieser Einsatz hatte Erfolg, Schalk und ich wurden in die Lehnen des Sofas gedrückt. Bevor wir mit einem Gegenangriff starten konnten, griff Rubosch scheinheilig grinsend die Unterhaltung mit Scholz auf: „Mann, Scholz, alter Lump! Erinnern Sie sich nicht mehr an die grossen Zeiten im Sandkasten?“ Er erhob sein Glas. „Da waren Sie es, Scholz, der eine eingestürzte Sandburg wieder aufbaute!“
„Und der Angriff dieser ekelerregenden Spinne!“ stimmte Schalk zu. Rubosch lachte und hielt sein Glas noch weiter von sich gestreckt. Da ein gefülltes Glas hätte überschwappen müssen, konnte Scholz daraus schliessen, dass es leer war und goss nach.
„Sie wehrten das Ungetüm mit einer kleinen Einheit Zinnsoldaten ab!“ jubelten Rubosch und Schalk. „Keine Verluste!“ sprach Rubosch weiter. „Und das Spinnenviech kam nie wieder zurück.“

„Und wissen Sie noch, was Scholz antwortete, als wir zum Essen gerufen wurden?“ fragte Schalk, die alten Abenteuer wieder aufwärmend. Rubosch beugte sich lachend vor und ahmte eine graziöse Verbeugung an. „Der Feind möge kommen, aber auch wieder gehen.“
Schalk nutzte Ruboschs kleine Vorführung und breitete sich auf dem Sofa auf, so dass Rubosch an dessen vorderen Rand festgekeilt war.

20

Vor einem grossen Waldgebiet, das sich bis weit über den Horizont erstreckte standen einige Blockhütten verträumt am Wegesrand. Eine kleine Ortschaft, auf keiner Landkarte verzeichnet trotzte der gewaltigen Masse aus Bäumen und Pflanzen. Es schien, als recke der Dschungel mit seinen Klauen nach den Häuschen und drohe, sie spätestens nächstes Frühjahr zu verschlingen.

„Hier muss es sein.“ gab Schalk bekannt, nachdem er den Absender von Scholz´ Brief mit einer Art Ortsschild - zwei zusammengeklebte Sperrholzstücke, die am Wegesrand an einen Baumstumpf gelehnt waren, auf denen das Wörtchen „Ortschaft“ gemalt war - verglich. Ein brauner Hund kam auf uns zugetrottet. Ebenso wie die Ortschaft war das Tierchen verträumt und verschlafen anzuschauen und es schnupperte beiläufig in unsere Richtung.
„Ei, was für ein feiner kleiner!“ jauchzte Rubosch, der Hunde sehr gern hatte.
Doch Schalk belehrt ihn, dass - abgesehen davon, dass Tiere sowieso keine Sprachen verstehen - dieses in Übersee einheimische Exemplar unsere Heimatsprache ganz und gar nicht verstand.
Rubosch sah das ein, liess aber nicht ab, dem Hund zum Spielen hinterher zu rennen. Der tobte auch mit, kläffte erfreut, ran, sprang und lief als sei nichts gewesen ohne sich umzudrehen davon. „Undankbarer Köter.“ beschwerte sich Rubosch enttäuscht.

Dann entdeckten wir eine uns wohlbekannte Gestalt aus einer der Blockhütten treten. „Rubosch und Schalk!“ rief Scholz laut. „Ihr alten Schwerenöter! Habt Ihr endlich Euren inneren Schweinehund überwunden und seid hergekommen!“ Auch mir klopfte er freundschaftlich auf die Schulter.

Begeistert wurde Wiedersehen gefeiert und Scholz öffnete eigens dafür eine gute Flasche Portwein. Es wurde gelacht, gescherzt und natürlich viele Gefahren geschildert, die uns angeblich während unserer Reise begegnet sein sollten.

Dann wurde die gesellige Runde plötzlich still, und Scholz war an der Reihe, von seinen Erlebnissen zu berichten. Er trank sein Glas aus.
Nach seiner Ankunft sei er stundenlang herum geirrt, ohne Land und Leute zu verstehen, erzählte Scholz noch immer sein leeres Glas in der Hand haltend. Rubosch schlich sich unbemerkt mit der Flasche an und goss nach.
Ein Einheimischer habe Scholz schliesslich zu einem Gelehrten gebracht, der mehrere Sprachen beherrsche. „Endlich einer, mit dem ich reden konnte.“
Gelehrte, erklärte Scholz seien hierzulande angesehene Leute, die oft aus ihrer Klugheit Kapital zu schlagen wüssten. So habe der Gelehrte ihm eine Unterkunft angeboten - die Blockhütte, in der wir sassen. „Zu einem vernünftigen Preis. Der Mann ist wirklich kein Halsabschneider.“

Scholz beschrieb uns seine Welt als köstlich und angenehm. Am überzeugendsten sei das Klima, und man sah seinem Teint die Einwirkungen des Sonnenlichts an.

Ob er denn seine Ziele erreicht habe und ob er bald weiterzog, wollte Schalk wissen. Scholz dachte lange über diese Frage nach. Zwischendurch musste Rubosch eine neue Flasche aus der Küche holen, ohne Scholz beim Nachdenken zu stören.
Schliesslich grinste Scholz. So eine Reise wie er sie begehe sei nie zuende. Und wer weiss, vielleicht triebe es ihn ja schon sehr bald weiter. Übersee sei gross, da gebe es noch genug zu entdecken.

Und schon bei der nächsten Runde Portwein, die Rubosch uns einschenkte wurde schon wieder heftig gelacht.
Langsam brach die Dämmerung nicht ohne einen tief roten Sonnenuntergang herein.

Scholz´ Behausung war auf massivem Holzpflöcken gebaut und hatte ein fast flaches Strohdach, auf dem dicke Felsen lagen. „Zur Verschönerung.“ wie Scholz ergänzte.
In diesem engen Quartier hatte er es sich richtig gemütlich gemacht. Und nicht zuletzt ein loderndes Kaminfeuer regte unsere Plauderein noch in den späten Abendstunden an.
Schalk und ich sassen auf dem Sofa, Rubosch lag auf dem Bärenfell und der grosse gemütliche Lehnsessel war für Scholz, der gerade in der Küche einen Happen zubereitete.

„Keine schlechte Wohnung für eine fremde.“ nickte Schalk, als sein Blick über die herrliche Einrichtung wanderte.
Rubosch spielte mit dem Bärenkopf. Zog den Oberkiefer hoch und liess ihn laut zurück schnappen. Ein schnappendes Geräusch entstand. „Ein stolzes Tier.“ kicherte Rubosch. Er kroch um das Fell herum und verharrte an dessen Kopfende auf allen Vieren und knurrte, kicherte betrachtete es. „Wenn man dem Bären so in die Augen sieht, wirkt er sehr lebendig.“
Rubosch wurde nachdenklich, klappte noch einmal den Kiefer hoch und erschauderte.
Bevor Scholz mit dem Tablett kam, kroch Rubosch zu Schalk und mir auf das Sofa.

19

Mit dem mittaglichen Zwölfuhrschlag des Glockenturmes verschwanden unsere Begleiter. Sie rannten in alle Richtungen davon, verzogen sich in ihrer Häuser. Und nicht nur der Pulk der Eingeborenen um uns herum, sondern sämtliche Bewohner dieses Landes verkrümelten sich. Wir standen allein auf der Strasse.
Rubosch deutete als erster auf die glühende Mittagssonne, die nun über dem Zenit der Häuserreihen stieg, als sei sie dafür verantwortlich.
„Ja.“ meinte Schalk und holte tief Luft. „Hierzulande sind die Lebensgewohnheiten bestimmt von unserer guten alten Sonne.“ Nach einer gelungen rethorischen Pause fuhr er mit seinem wissenschaftlich anmutenden Bericht fort. „In diesen Längengraden wirkt sie heisser und viel grösser als daheim. Das erklärt sich dadurch, dass dieser Ort durch die Erdkrümmung bedingt sich tatsächlich näher am Gestirn befindet.“ Er deutete auf den leeren Platz, auf dem wir standen. Deswegen machen die Einheimischen in diesen Stunden der grössten Mittagshitze ihr berühmtes Mittagsschläfchen.“

„Prima.“ lobte Rubosch. „Das halte ich für einen ausgezeichneten Brauch.“ Er sah sich nach einem passendem Plätzchen um.
Doch Schalk drängte zum Weitergehen. Ein langer Weg liege noch vor uns und das bisschen Sonne sei doch noch gar nichts, was uns noch erwarten würde. Aber ich bin müde vom ständigen Umherlaufen!“ motzte Rubosch. Auch mir taten die Füsse weh. All das überzeugte Schalk jedoch nicht. Er wollte schleunigst mit seiner Expedition beginnen. „Überlegen Sie bitte einen Schritt weiter, meine Herren.“ forderte er uns auf. „Wenn wir jetzt schon Rast einlegen, müssen wir die nächste um so früher!“
So liefen wir widerwillig weiter, bis die sengende Hitze auch dem guten Schalk zu schaffen machte. „Also schön.“ gestand er uns ein. „Rasten wir.“

Rubosch setzte zu einem triumphalen Siegesgeheul an, liess es aber sein, weil ihm nur zu schnell die Puste ausging. Wir liessen uns unter einem schattigen Baum neben einem netten Springbrunnen nieser. Der Brunnen bestand aus einem steinernden Fisch, aus dessen breitem Maul eine Wasserfontäne schoss.
Nachdem wir uns eine Weile das beruhigende Prasseln der Fontäne angehört hatten, schüttelte Rubosch den Kopf. „Es muss sich bei dem Fisch um einen ansässigen Aberglauben handeln. Die Menschen hier sagen, dass das Wasser aller Weltmeere aus dem Inneren der Fische kommt. Deshalb essen sie auch keinen Fisch.
Sie fürchten sich vorm Wasserbauch.“

Schalk schnarrchte vor sich her. Letztendlich hatten auch ihn die Strapazen der Reise sehr erschöpft.
„Trotzdem braucht er nicht so zu schnarrchen.“ Und Rubosch trat dem Schlafenden in die Seite. Doch der schnarrchte weiter. Verärgert, dass Schalk keine Reaktion zeigte, stand Rubosch auf und lief sich die Ohren zuhaltend zur anderen Seite des Springbrunnens. Langsam nahm er die Hände von den Ohren, testete die Lautstärke und nickte grinsend. „So höre ich nur das erfrischende Plätschern des Wassers.“

Nach einigen Minuten segelte ein Schmetterling daher. Schöne bunte Schwingen. Er vollzog einen majestätischen Kreis über dem Brunnen und landete nach einem atemberaubenden Sturzflug auf Schalks Nase.
Rubosch, der Schalks Sammelleidenschaft kannte, bekam grosse Augen. Langsam schlich er sich heran, tastete nach Schalks Schmetterlingsnetz. Das Insekt verharrte auf der Nase und begann sich die Fühler zu putzen. Dies kitzelte den armen Schalk, der musste fast niesen. „Nicht bewegen, Schalk! Auf Ihrer Nase sitzt eine Butterklähe. Das wird das Glanzstück Ihrer Sammlung!“

Schalk aus dem Schlaf erwachend wusste mit der ungewöhnlichen Situation nichts anzufangen und reagierte instinktiv. Er nieste. Der Schmetterling verschreckt davon, Rubosch wütend mit dem Netz trachtend hinterher.

Jetzt begriff Schalk und war gerührt. „Der gute Rubosch.“ Dann kicherte er leise. „Die Butterklähe habe ich schon.“ zwinkerte er mir zu.
Rubosch kam enttäuscht mit leerem Netz zurück, gab es Schalk und nahm zart wiegend seine Flinte zur Hand. „Das nächste mal werde ich hinter dem Biest herschiessen.“ Er prüfte das Kaliber und zielte auf einen imaginären Schmetterling. „Da muss man nicht so bei rennen.“

18

„Man sieht den Eingeborenen ihre Fremdheit gar nicht an.“ bemerkte Rubosch beim Schlendern durch die Innenstadt von Übersee.
„Das ist kein Wunder, lieber Rubosch.“ schmunzelte Schalk. „Sie sind auch nicht fremd.“ Und mit einer Geste, die uns drei hervorhob fuhr er fort. „Wir sind die Fremden in diesem Land.“

Rubosch trat gegen ein Steinchen; es flog ein paar Meter, blieb liegen, bis Rubosch es einholte und erneut trat. „Aber sie sind uns fremd. Also, ich jedenfalls kenne keinen persönlich.“ Er sah jeden einzelnen der Eingeborenen, die immernoch unserem Weg folgten nacheinander an und schüttelte, um seine Aussage zu untermauern kurz den Kopf und trat wieder gegen den Stein. „Aber trotzdem sehen sie nicht fremd aus. Sie sehen tatsächlich so aus, wie wir.“ Wir blieben einen Moment stehen. Die Einheimischen sprachen in ihrer seltsamen Sprache, die wir beim besten Willen nicht verstanden.
Schalk versuchte die Zeichensprache. Nach anfänglichen Verständnisschwierigkeiten konnten die wichtigsten Informationen ausgetauscht werden. So war nun dafür gesorgt, dass wir Wasser und frisches Obst bekamen. Mehr war nicht zu erwarten, wir erfuhren weder Namen noch sonst wissenswertes und auch Ruboschs Interesse für kulturelle Unterschiede konnte nicht mit den Einheimischen diskutiert werden.

Während wir weiterliefen schwärmte Rubosch für den Singsang in der Sprache der Eingeborenen und ihr Gefühl, gewisse Atmosphäre auszudrücken, ohne dass man sie verstehen muss.
Schalk trat jetzt gegen das Steinchen. „Ich überlege manchmal, ob die Einheimischen uns die Fremdheit ansehen.“
„Bestimmt!“ entgegnete Rubosch. Das Steinchen rollte auf die andere Strassenseite und blieb dort liegen.
„Ich hatte mir die Eingeborenen im Übersee ganz anders vorgestellt. Dass sie zwei Beine, Nas´ und Mund haben, das dachte ich mir schon. Aber ich hatte mir andere Kleidung und schöne Zöpfe in den Haaren ausgemalt. Aber die Menschen hier könnten genauso gut bei uns zuhause wohnen.“

Wilde und Buschmänner waren hier nicht. Da hatte Rubosch recht. Wir befanden uns in einer zivilisierten Stadt und der einzige Unterschied zwischen den Menschen hier und uns war die Sprache.
„So geniessen wir alle die Vorzüge der modernen Welt und Technik mit allen Schikanen, müssen uns untereinander jedoch mittels vorzeitlicher Zeichensprache unterhalten.“ gab Schalk zu denken.
„Hätten wir doch nur das Wörterbuch! Es war in dem anderen Koffer.“ murmelte Rubosch. Und Schalk schimpfte auch gleich: „Sehen Sie, ich sagte doch, wir hätten den anderen Koffer mitnehmen sollen!“
Aber Rubosch wehrte den Angriff sofort ab. „Das Wörterbuch befindet sich nicht im Überlebensköfferchen, sondern in einem anderen, zusammen mit weiteren nützlichen Büchern. Unter anderem auch das, in dem dies hier alles geschrieben steht.“
Überrascht betrachteten wir unsere Umgebung einschliesslich dem weiten Himmelszelt. Alles Imaginationen, die sich in einem Koffer in der Heimat befanden?
„Ach nein!“ besinnte sich Rubosch. „Es war doch nur ein Roman, den ich auf der Erholungsreise lesen wollte und der mit unserer Geschichte doch rein gar nichts zu tun hat.“

So oder so.“ mischte sich Schalk wieder ein. „Lesen können Sie den Schmöker erst wieder daheim.“

17

Bevor wir von Bord gingen entschuldigte sich der alte Kapitän bei uns. Er wollte die Sachlage klarstellen und uns seine Beweggründe mitteilen. „Seit die gefährlichen Kraken und Seepiraten ausgestorben sind, gibt es auf den weiten Meeren kaum noch eine Attraktion. Auch die Stürme sind aufs Festland verlegt worden.“ Er stopfte sich ein wenig Tabak in die Schmauchepfeife. „Das hat zur Folge, dass uns die Fahrgäste ausbleiben. Niemand verspührt heutzutage noch den Reiz einer Schiffahrt. Übersee ist ja nur einen Steinwurf entfernt.“
Er wies rüber zur Küste, an deren Steg das stolze Schiff nun lag. Die Matroseln beschäftigten sich damit, die schwere Windmaschine auszuladen. „Reisende nehmen lieber den Siebener, der auch nur sechzehn Minuten braucht.“
Bestürzt kramte Schalk nach seinem Fahrplan.
„So inszenieren wir“ fuhr der Seemann fort, „auf jeder Überfahrt einen Sturm. Exklussiv für die Passagiere.“
„Aber hier waren es zwei Stürme.“ warf Rubosch ein.
„Ja.“ nickte der Kapitän. „Als der erste Sturm vorrüber war hatte ein besonders gewitzter Matrosel die Idee mit der hellen Leuchte. Das fanden wir toll. Das mussten wir gleich ausprobieren.“
„Und wie haben Sie das Schiff so zum Schaukeln gebracht?“ erkundigte sich Schalk. „Berufsgeheimnis.“ Der Kapitän zwinkerte.

„Wir hätten den Siebener nehmen können.“ erklärte Schalk später bei unserem ersten Spaziergang in Übersee. „Nur hätten wir Anschlusschwirigkeiten gehabt: Der Zweier kommt erst zwei Minuten später an, nachdem der Siebener abfährt. Wir hätten eine halbe Stunde auf den nächsten warten müssen.“
Wir nickten und waren uns einig, dass wir eine schöne Reise nach Übersee hatten. „Immerhin haben wir einen Sturm erlebt.“ lachte Rubosch. „Und das Seefahrerleben hat uns doch auch Spass gemacht, oder?“ „Im Siebener hätten wir nichts dergleichen erlebt. Da wäre höchstens mal der Schäffner vorbeigekommen.“ stimmte Schalk zu.

So waren wir also in Übersee angekommen. Ein fernes Land mit fremden Sitten und Menschen. Wir wunderten uns über so vieles, was wir sahen und nicht verstanden. Aber es war ein gastfreundliches Land. Schon bei unserer Ankunft wurden wir begrüsst und bekamen Ringe aus Blumen umgelegt. Die Leute umschwirrten uns und staunten; waren wir für sie doch genauso fremd wie sie für uns. Der Pulk von neugierigen Eingeborenen liess uns nicht mehr allein, verfolgte jeden unserer Schritte, war ständig um uns herum. Nahm uns auch manchesmal die Sicht auf Sehenswürdigkeiten und Bauwerke, die uns selbstverständlich sehr interessierten. Auch als die Nacht hereinbrach verleissen uns die Gastgeber nicht. Wie es in fernen Ländern üblich war, kühlte es auch in Übersee nachts sehr schnell ab. Nichts vom frühlingshaften Klima blieb, manchmal konnte es sogar schneien. Unsere Gastgeber froren nun. Sie trugen ihre Sommerkleidung und hatten nicht mit Besuch gerechnet, der über Nacht blieb.

16

Rubosch erstieg die kleine Leiter, die die Kajüte mit dem Deck verband. Als nächstes Schalk. Wie hypnotisiert bewegten sich beide auf den Sprossen nach oben. Dann kam ich nach. Wind und Wasser pfiffen uns um die Ohren. Die Sonne schien.

Ich traute meinen Augen nicht. Rubosch schüttelte den Kopf, Schalk stemmte die Hände in die Hüften.
Unmittelbar vor uns standen einige Matroseln in Reih und Glied und warfen sich Medizinbälle zu, die sie bei Kommando auf die Planken fallen liessen.
Rubosch wischte sich die Regentropfen aus dem Gesicht. Sein Blick wanderte nach oben. In der Takelage, auf Mast und Segel weitere Matroseln. Mit Gartenschläuchen bewaffnet spritzten sie Unmengen von Wasser auf das Deck, auf uns.

Schalk ging um den Hauptmast herum. Von diesem nicht mehr verdeckt war nun zu erkennen: Eine schwere Windmaschine, die auf grösster Einstellung in die Segel pustete, diese halb zerfetzte und dabei laut pfiff.
Mit einem Beil lief ein Matrosel hin und her und hieb Löcher in Reeling und Planken.

Fassungslos sah Schalk zu Rubosch. Der drehte sich fragend um zu mir. Von allen Dingen, die wir uns unter einem Sturm vorgestellt hatten, entsprach dies am wenigsten unseren Erwartungen.

Wir betraten zielstrebig die Brücke, hatten dem Herrn Kapitän einige Fragen zu stellen.
Das Steuerrad drehte sich schnell um die eigene Achse. Der alte Kapitän - am Steuer festgekettet - schrie laut Befehle und wetterte gegen das Wetter. „Du mieser Sturm!“ Du Ausgeburt der Hölle! Komm nur! Versuch doch, mein Schiff zu holen! Es mit Deinen Klauen zu packen! Ich habe keine Angst!“

Als er uns mit stummen Mienen neben sich stehen sah, verstummte er jäh. Das Tosen der Windmaschine, das sich wirklich wie Windgeheule anhörte durchschnitt die warme Luft. Ab und zu polterte ein Medizinball. Regen prasselte unaufhörlich aus den Gartenschläuchen auf das Deck. Rubosch hatte einen weiteren Matroseln erspäht, der mit einer hellen Leuchte Blitze in den Himmel warf.

Noch einmal, um sich zu vergewissern, dass wir tatsächlich nicht mehr unter Deck weilten, blickte uns der Kapitän an. Ein Matrosel schaltete die Windmaschiene aus. Auch das Prasseln der Gartenschläuche versiegte nun. Alle versuchten zu verfolgen, was sich auf der Brücke abspielte.
Peinlich berührt grinste der Kapitän. Er wollte seine Hand zur Stirn führen, um sich Schweiss oder Regenwasser abzuwischen, kam damit jedoch nicht weit; die Ketten banden immernoch seine Gliedmassen und seinen Körper an das Ruder. So rieb er sein Gesicht kurz am Oberarm.

Einer der Matrosln liess versehentlich einen Medizinball fallen, schnitt eine Grimasse der Verlegenheit und hob ihn schnell wieder auf.
Beschämt nickte der Kapitän in Richtung Horizont. Dann fasste er sich, kniff kurz die Augen professionell zusammen. „Mit etwas Glück erreichen wir morgen Übersee.“ sagte er, um das Thema zu wechseln.

15

Unter Deck war wieder das Geschrei des Kapitäns zu hören. Er beschwörte, verfluchte den Sturm. Ja, er bettelte ihn sogar an. Er schrei und stöhnte. Seine Stimme ging im Tosen und Donnern des Sturms fast unter. Auf Deck polterte irgendetwas, der Kapitän schrie seine Befehle und schrie wieder - noch lauter - den Sturm an.

Wir versuchten, uns die Situation nicht anmerken zu lassen, konzentrierten uns auf die Karten. Doch es wollte keine rechte Spielfreude aufkommen und wir verloren die Lust.

Ein Scharben am Fussboden. - wir horchten auf. „Ein Gespenst?“ Rubosch griff zum Schiessgewehr. „Eine Krake?“ Schalk hatte das Schmetterlingsnetz bereits in der Hand.

Das Geräusch befand sich direkt unter unseren Füssen und wanderte den Fussboden entlang. Etwas befand sich an der Aussenhülle des Schiffes.
„Der Maat!“ rief Rubosch.
Schalk versuchte Klopfzeichen. Viermal kurz, einmal lang, zwei mal kurz, einmal lang.
„Was heisst das?“ fragte Rubosch. Schalk zuckte mit den Achseln. „Ich habe keine Ahnung. Habe nie das Morsealphabet gelernt.“
Eine Antwort liess uns erneut aufhorchen. Zwei mal lang, drei mal kurz, einmal lang.

Ratlos sahen wir einander an. Zu gern hätten wir gewusst, was der Maat uns vom Kiel aus mitzuteilen hatte.

Der Sturm wurde stärker. Das unsafte Schaukeln war nun zu einem heftigen Zittern geworden, die Gläser und die Flasche mit dem Portwein, die auf dem Tisch in der Kajüte standen vibrierten mit. Das Tosen und Donnern übertönte das verzweifelte Geschrei des Kapitäns.
Schwere Gegenstände, vielleicht Masten oder Kisten, aber auch der eine oder andere Menschenkörper schienen an Deck mit lautem Gepolter hin und her geschleudert zu werden.

„Diesmal scheint er zu verlieren.“ sagte Schalk und wies nach oben.
Rubosch folgte ängstlich seinem Blick. „Wer weiss, wie es dort oben gerade zugeht.“ „Ich möchte jedenfalls nicht dort sein.“ antwortete Schalk.
Prompt wurden seine Worte durch einen dumpfen Schlag gegen die Kajütentür untermalt. Die Tür sprang auf. Ein Matrosel stürzte mit ihr herein. Seine Kleidung war zerfetzt und durchnässt. Ausser Atem und vor Schmerz schreiend kämpfte er sich wieder an Deck. Die Tür blieb offen stehen...

Jetzt bemerkten wir, dass sich der donnernde Geräuschepegel, seitfem die Tür offen stand, verdreifacht hatte. Wasser und Wind spritzten zu uns herein und brachten eine unangenehme Kälte mit. Die Kälte sahen Rubosch und Schalk jedoch nicht. Sie starrten gebannt die offene Tür an, spührten den Hauch des Wahnsinns, der nach ihnen tastete. Doch sie hatten keine Angst. Vielmehr lockte sie das Naturschauspiel. Neugierig näherten sie sich der Tür. Auch das Fauchen des Windes hielt sie in ihrer Entdeckerlust nicht auf. Fest entschlossen, das zu sehen, was noch nie eine Landratte gesehen hatte stiegen sie an Deck.

14

„Der Sturm ist vorbei.“ berichtete der alte Kapitän. Und andächtig fügte er hinzu: „Wir haben ihn bezwungen.“
Rubosch und Schalk applaudierten. Anerkennend und voller Bewunderung ob der grossen Schiffmannskunst jubelten sie und warfen Mützen in die Luft, die sie sich bei den Matroseln geborgt hatten.

Das Deck glich einem Schlachtfeld. Die Segel zerfetzt, Taue abgerissen, Löcher in den Planken und in der Reeling. Noch immer hat der Kapitän das Steuerruder fest in der Hand. Noch immer ist er angekettet. Schwere Eisenketten: Einziger Halt für einen Mann, der dem Wahnsinn in die Augen blicken musste. Doch nun bittet er den Maat, das massive Kettenschloss aufzuschliessen. „Was soll das bedeuten, Sie haben keinen Schlüssel?“ brüllte der Kapitän. Der Maat jammerte, der Kapitän habe den Schlüssel selbst über Bord geworfen. Der Maat habe ja vorm Ablegen Ersatzschlüssel anfertigen wollen, doch der Kapitän liess ihn ja nicht. „Diesen Mann Kiel holen lassen!“ befahl der Kapitän.

Während die Matroseln versuchten, den sich mit Armen und Beinen wehrenden Maat zu binden, wendete sich der stolze Kapitän an Rubosch.
„Greifen Sie doch mal liebenswürdiger Weise in meine Rocktasche.“ Zögernd tat es Rubosch. „Da müsste der Ersatzschlüssel drin sein.“
Und als er frei war: „Ja, ich liess den Maat nicht weg, um Ersatz anfertigen zu lassen. Ich sagte zu ihm: `Èin Seemann braucht keinen Ersatz.´ Hat ja auch kein Ersatzschiff, wenn eins untergeht.“
Mit einer auffordernden Handbewegung verlangte er die Flasche Portwein von Rubosch und trank sie fast aus. Er keuchte und schmatzte. „Das habe ich gebraucht. Nach all den Aufregungen.“

Wir sahen zu, wie der Maat gefesselt und kopfüber ins Wasser gelassen wurde. Mit ausschweifenden Beschreibungen erzählte der Kapitän vom Sturm.
Er habe mit Windhosen und Wolken aus purem Eis gefochten. Sie wollten ihn wegreissen von seinem Schiff. „Aber ich wehrte mich! Ein Seemann lässt sich nicht wegreissen wie eine Landratte.“ Und er warf einen Seitenblick zu uns. Empörung bei Rubosch und Schalk. Doch als sie der Erzählung weiter lauschten, waren sie froh. Der alte Seemann hatte ihnen nämlich das Leben gerettet, als er sich mit seinen Fäusten einen Weg durch die kalt nasse Pein der See preschte.
„Ich hoffe, es hat nicht so sehr geschaukelt.“ sagte der Kapitän, hob ganz kurz seine durchnässte Kapitänsmütze ab und verneigte sich.

Bescheiden sind Sie auch noch, Herr Kapitän.“ Rubosch und Schalk fühlten sich sehr geehrt. „Aber wir wissen, wie schwierig Ihr Kampf gegen die Naturgewalt war. Ihr Leben riskierten Sie, um unseres zu schützen. Sie nahmen auf sich, wozu keiner, der auf dem Land wohnt den Mut gehabt hätte: Dem Sturm von Angesicht zu Angesicht gegenüber zu treten. Unsere Bewunderung gilt Ihrem Edelmut.“
Der Kapitän winkte ab. Erneut hatte er einen Sturm gesichtet. Schon brüllte er seine Befehle und rannte zu den Ketten.

13

Eines der Gesetze der Seefahrt lautet: „Vermeide es so lang es geht, einen Passagier Kiel holen zu lassen.“
Das beinhaltet natürlich weitere tiefgehendere Regeln. Die Gastfreundschaft - so könnte man es ausdrücken - ist auch dem Seemann heilig. Seeleute unterstehen damit der Pflicht, Fahrgäste unter allen Umständen und vor allen Gefahren zu beschützen. So geniessen die Passagiere auch das Recht auf die ersten Sitzplätze in den Rettungsbooten (auch dann, wenn keine Seenot vorhanden ist und die Beiboote still verträumt dahinschlummern). Passagiere werden unter Deck geschickt, wenn so eine nasse Seenot aufzieht. Auf dass sie im Trockenen so wenig wie möglich vom Toben da draussen mitbekommen.

Als wäre ein guter Ruf zu verlieren, der durch das hässliche Angesicht der Meeresgewalt beschmutzt würde. Kein Nichtseemann dieser Welt hat also bisher einem Sturm zugesehen. So wir auch nicht.

Nach einigen Runden von Ruboschs gutem Portwein gingen uns die Gesprächsthemen aus. Hatten wir doch seit Anbeginn dieser aufregenden Reise alles zusammen erlebt. Wir versuchten Karten zu spielen. Jedoch kannte keiner von uns ein Kartenspiel. Also erfanden Rubosch und Schalk ein eigenes lustiges Kartenspiel. „Lustiger, als alle anderen.“ betonte Schalk.

Rubosch teilt aus. Drei Karten für mich, zwei für Schalk, eine für sich. Hat einer eine Bubenkarte, ist die Runde von vorneherein gelaufen. Da ist er Gewinner und zieht von jedem Spieler die Karten ein.
Rubosch teilt wieder aus. Diesmal vier für mich, fünf für Schalk und sechs für sich. Wer jetzt ein Damerl oder einen doppelten Pasch vorweisen kann, zieht als Gewinner die Karten ein.
Nochmals gibt Rubosch. Eine für mich, elf für Schalk und keine für sich. Gewinner ist, wer den König hat.
In der vierten Runde bekomme ich zwei, Schalk zwölf und Rubosch eine Karte. Ein Ass oder ein dreifacher Pasch sticht diesmal.
Beim nächsten Austeilen bekomme ich keine, Schalk vier und Rubosch zwölf Karten. Als er sich die elfte Karte austeilen will, ist der Stapel leer.
„Das Spiel scheint noch nicht ganz ausgereift zu sein.“ Rubosch zählt seine Karten nach.
„Ich schlage eine Regeländerung vor.“ schlägt Schalk vor. „Wir lassen bei einem Stich auch die sogenannte Ergänzende Grosse Strasse zu. Da gewinnt, wer fünf aufeinanderfolgende Karten von der gleichen Farbe hat.“
„Einverstanden.“ sagt Rubosch, ich nicke.
„Gut.“ ruft Schalk. „Ich habe zufällig eine solche Ergänzende Grosse Strasse!“ Er schmeisst sie vor sich und nimmt uns gierig unsere Karten ab.Rubosch wartet mit pokerndem Gesichtsausdruck ab, bis Schalk sich daran macht, die Karten neu auszuteilen. Dann unterbricht er mir Geschrei: „Sie haben das Klopfzeichen vergessen! Wer gewinnt muss dreimal auf die karten klopfen, so lautete die Regel! Sie taten das nicht!“
Wiederwillig gibt Schalk die Karten zurück.

Bevor wir unser Spiel fortsetzen konnten liess uns ein „Alle Mann an Deck!“ hochfahren.

12

Wir standen an der Reeling und genossen die Fahrt. Keine der Gefahren und Unpässlichkeiten, die uns angekündigt waren, hatten uns bisher heimgesucht. Ja, sogar das Regenwetter hatte sich kurz nach dem Ablegen in Wohlgefallen und Sonnenschein aufgelöst. Alle an Bord des stolzen Schiffes mussten sogar die dicken Pullover ausziehen, weil die Sonne so brannte.

Rubosch und Schalk sinierten. Rubosch: „Nun, wo wir so weit von zuhause sind, mache ich mir so meine Gedanken. Unsere Reise dauert noch gar nicht so lange, und trotzdem ist nichts so, wie es war.“
„Sie meinen, nicht nur die Zeit zieht voran, sondern auch Landsachaften, Bäume. Jetzt die Wellen und Wolken.“ antwortete Schalk.
„Und wenn wir wieder heimkehren wird sich alles noch viel mehr verändert haben. Auch, wenn wir es vielleicht nicht bemerken. Keine dieser Wogen aus Wellen wird so sein, wie sie gerade ist.“
„Dann geniessen Sie es, wie es ist, würde unser guter Freund Scholz jetzt sagen.“ riet Schalk. „Möglicherweise ist es wirklich die einzige Gelegenheit, jenen einzigartigen Moment zu wahren. Sonst geht er ungenutzt verloren, und wer weiss, ob der nächste wieder so wohlig sein wird.“
Sie schwiegen eine Weile.
Dann Rubosch: „Wissen Sie, es tut mir um die Augenblicke leid, die sich zur Zeit in der Heimat abspielen. Wissen wir, ob sie nicht besser sind, als jene, die wir gerade hier verleben?“
„Aber wie können das andere Augenblicke sein, als diese hier?“ wollte Schalk von ihm wissen. „Es gibt nur eine Zeit. Ist es in diesem Augenblick zwölf Uhr, ist es derselbe um zwölf Uhr in der Heimat.“
„Dann wäre ich zuhause genauso zufrieden, wie hier?“
„Rubosch, solange ich Sie kenne habe ich Sie nur unzufrieden erlebt, wenn es keinen Portwein gab. Wie können Sie mir diese Frage stellen, wo ich doch nicht weiss, ob Sie Portwein haben.“
Rubosch kicherte. „Ich habe!“ Er zog ein Fläschchen hervor. „Ich möchte nur nicht, dass der alte Kapitän es bemerkt.“

Mit einem lauten Schlag flog die Tür zur Kapitänskajüte auf und der Kapitän in seiner eindrucksvollen Erscheinung stand an Deck.

„Sie haben Portwein.“

Ein richtiger Seemann hat keine Angst. Das hat einen Grund. „Angst wird auf hoher See mit gutem Port verdünnt.“ erklärte der Kapitän. „Und so rieche ich ihn, wenn er an Bord ist.“
Er griff nach der Flasche, die Rubosch ihm anbot, nahm einen tiefen Schluck und wischte - wie es sich für einen echten Kapitän auf seinem Schiff gehörte - sich nicht den Mund ab.
„Sturm kommt auf. Begeben Sie sich unter Deck.“ befahl er nebenbei.

„Aber Kapitän.!“ lachte Schalk. „Sie sagen das so einfach, obwohl die Sonne brennt.“ Rubosch war begeistert. „Sie haben Sinn für Humor, Kapitän.“

Dieser kettete sich am Steuerruder fest, zog einen gelben Regenhut auf und sang eines der Sturmlieder, das möglicherweise sein letztes sein konnte. Es donnerte. Wolken zogen wieder auf, der Seegang wurde stark. Rubosch und Schalk eilten als erstes zu der Luke, die unter Deck führte. Ich hinterher. Wir sahen noch, wie der Kapitän den Schlüssel aus dem Schloss an der Kette, die ihn ans Ruder festband über Bord warf. Dann waren wir in der gemütlichen Kajüte bei Kerzenschein und Port. Es schaukelte, wurde aber ein netter Abend. Von Zeit zu Zeit hörten wir die grollende Stimme des Kapitäns, die den Sturm verfluchte und anbrüllte.

11

Die sieben Weltmeere waren unbändig. Wilde Massen von Wassertropfen, die alles verschlangen, was in ihre Quere kam. Unzählige Schiffe, Schätze und unglückliche Seeleute (deren Frauen vergebens daheim warteten). Unendliche Schwärme von Fischen und Meeresbewohnern. All das würden die sieben Weltmeere nie wieder freigeben. Stürme und Orkan waren ihre Gewalt, der Meeresboden ihr Zuhause. Und dazwischen gab es nur Wasser. Nichts als Wasser.
Menschen, die trotz dieser unausgesprochenen Warnung und entgegen ihrer natürlichen Beschaffenheit den Versuch unternahmen, die wilde Bestie Meer zu bändigen, mussten hart sein. Angst und Schwäche waren hier das Verderben. Ein Sturm sollte für diese Leute ein Lüftchen sein. Ein grimmiger Walfisch nur ein alter Esel. Das Wasser selbst nur Träger ihres Zuhauses: Planken und Segel. Taue und Knoten.
Die Schifffahrt. Kein Kinderspiel. Aber Abenteuer und Schicksal. Der das alles meistern wollte, musste an Erfahrung selbst das älteste der Weltmeere überbieten.

„Nein, so ein bisschen Nieselwetter macht einem Seemann wirklich nichts aus.“ sagte die Stimme aus der dunkelsten Ecke und lachte wieder.

Wir näherten uns dem alten Mann. Augenklappe, Holzbein, den Humpen wie ein Mann mit der Hand gepackt. Kein zweifel. Da sass der alte Kapitän. Durch seinen verwegenen steinernden Bart grinste er uns geheimnisvoll an.
Rubosch und Schalk riefen aufgeregt durcheinander! „So eine freudige Überraschung!“ fand Rubosch und Schalk wollte wissen, wie der Kapitän an diesen Ort kam. „Mit dem Dreizehner. Der fährt auch direkt zum Hafen.“

Die geflohenen Seeleute betraten wieder nach und nach die Schenke und setzten sich kleinlaut an ihre Tische. Jetzt da wir mit dem verwegensten von ihnen, dem alten Kapitän wie selbstverständlich bei Portwein plauderten wuchs ihre Achtung vor den Landratten, wie Rubosch kurz bemerkte.

Nachdem wir unsere Reiseschilderungen ausgetauscht hatten, kam Schalk wieder zum Kern unseres eigentlichen Problemes. Der Kapitän lachte. „Rein zufällig läuft mein stolzes Schiff morgen nach Übersee aus.“
Rubosch schlug mit der Faust in die offene Hand. „Und Sie würden uns auch mitnehmen?“

Der alte Kapitän sah uns lange und eindringlich an. Das Lachen war vergangen, das schiefe Grinsen schien nie dagewesen zu sein. Voller Sorgfalt wählte er seine Worte, während er nach Schmauchepfeife und Tabak kramte.
„Eine Seefahrt, meine Herren Landratten,“ finge er an, „Ist keine Erholungsreise. Der Sturm mag für mich und das Schiff nur ein Lüftchen sein. Doch so mancher Fahrgast ist mir auf meinen Reisen fortgeweht worden. Weil er das Lüftchen unterschätzte und sich nicht festhielt. Und auch wenn Taifune - die Wölfe der Meere - sich bei Vollmond an Bord schleichen und heulen, hat kein Passagier gut lachen.
Eine Seefahrt ist kein Bummelzug, hier herrschen Gesetze und die schreib´ ich! Wer das nicht einsieht kann Kiel holen gehen. Wenn ich sage `spring´ dann gibt es keine Fragen mehr zu stellen.“ Noch geheimnisvoller und fast flüsternd fügte er hinzu: „Weil Ihr meine guten Freunde seid, nehme ich Euch mit.“

Mit offenen Mund verstummte der alte Mann und sah uns an. Dann klappte er den Mund zu und sperrte ihn wieder auf.

10

Das Gasthaus, das Rubosch schon bei unserer Ankunft entdeckt hatte, sah auch von innen auf den ersten Blick nicht anders aus, als die Abendschule, aus der wir kamen. Fast wollten wir meinen, dieselben Gesichter der Gäste wieder zu erkennen. Und auch ihre Positionen stimmten mit denen derer überein, die wir gerade verlassen hatten. Einige waren gerade vor Lachen von den Stühlen gefallen, andere fingen ihre Mützen wieder auf oder duckten sich vor querschlagenden Gegenständen.
Aber erleichtert bemerkten wir: Alle hatten einen ordentlichen Humpen neben sich stehen (oder tranken gerade daraus). Und ein armes Kerlchen mit Schürze wurde geschickt und gerufen und kommandiert.

„Herr Ober!“ rief Rubosch, als wir den gleichen Tisch wie vorher einnahmen.
„Einen guten Kellner muss man scheuchen, sonst rostet er.“ kicherte er. Schalk grinste, rief auch: „Herr Ober! Schneller!“

„Wir hätten gerne ein Fläschlein Portwein und drei Gläserchen.“ bestellte Rubosch. „Wir sind nämlich auf Reisen.“
Der Ober sah ihn schief an, während er notierte. „Sonst noch ein Wünschlein?“ Empört sah Rubosch zu mir.

Schalk ergriff das Wort: „Wir hätten da gerne noch eine Auskunft.“ Der Ober lenkte seinen schiefen Blick auf Schalk.
„Wir wollen schifffahren. Ob Sie wohl einen Kahn kennen, der Übersee ansteuert?“ Schalk zwinkerte Rubosch zu. „So muss man mit einem Kellner umgehen. Sonst kriegt man gar nichts aus ihm heraus.“
„Aber meine Herren!“ Der Ober sah uns mit grossen Augen an. „Ich glaube, das sollten Sie sich noch einmal überlegen.“ Er zeigte nach draussen. „Es zieht ein böser Sturm auf. Keiner der Seefahrer wagt sich haraus. Ihr Aberglaube besagt, sie kämen bei Sturm nie nie wieder an Land. Fragen Sie die Leute selbst!“

„So ein bisschen Nieselwetter macht doch einem Seemann nichts aus!“ Schalk wollte nicht glauben, dass die Witterung seiner sorgfälltigen Reiseplanung ein Strich durch die rechnung machte. „Ein Seemann ist ein Seemann. Der ist dazu da, auf See zu fahren. Der lässt sich von einem Wetterchen nicht einschüchtern.“
Rubosch keifte mit. „Bei Regenwetter traue ja sogar ich mich auf die See.“

Rubosch und Schalk standen auf und richteten ihr Wort an die Leute im Raum. „Verehrte Seeleute!“ Diese unterbrachen ihr Gelächter und ihre Gespräche und hörten sich an, was die Landratten denn diesmal wollten.
„Wer von Ihnen traut sich, drei alte Landratten nach Übersee überzusetzen?“
Erwartungsvoll sahen sie die Männer an. Momente der Stille. Da standen die ersten auf. Und je mehr von ihnen aufstanden, dest mehr taten es ihnen nach und sie alle verliessen fluchtartig die Schenke (nicht ohne ihre regenschirme vorher aufzuspannen, wie Schalk ärgerlich bemerkte).

Nun standen wir allein da und der Ober, der mir dem Portwein kam, war sauer, weil die ganze Kundschaft weg war. Wir waren betrübt und Rubosch wollte uns resigniert die Vorteile einer vorzeitigen Heimfahrt darlegen, als aus der dunkelsten Ecke der Schenke, dort, wo es am verrauchtesten war, ein tiefes brummeliges Lachen erklang.